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Weisswasser, Wellenreiten und Wunderkinder- Kapitel 6

Donnerstag, 21. Juli 2011

Februar 2005

Ich werde wahnsinnig!
Mein Bewegungsdrang fordert eine Aktion.
Ich muss und will jetzt endlich irgendwas tun und das am liebsten auf irgendeinem Board- auch wenn ich selbst noch nicht wieder richtig stehen kann.
In diesem Fall vertraue ich auf die Worte meiner Ex – Krankenhauszimmernachbarin Ute, die mir und sich selbst komplette Beschwerdefreiheit diagnostiziert hat- wenn auch “nur” für 10 Jahre.
Da das Wetter gerade eher Richtung Winter tendiert und eine meiner Mädels- Anna- ein wahres Ski As ist, ich hingegen mit 31!!! Jahren noch N.I.E die Berge gesehen habe- abgesehen von einem in meinem Gehirn nicht abgespeicherten Trip mit 3 Jahren-, stellt sich die Frage nach dem wo? wer? wie? was für’n Brett?
Wir fahren nach Österreich.

Man muss dazu sagen, dass ich keinerlei Snowboardgeraffel habe.
Meine einzige Winterwirkware besteht aus einem Schal, ein paar Handschuhen und dem üblichen Zeugs, welches man für einen Stadtwinter benötigt um nicht an Berlin’s Bushaltestellen fest zufrieren.
Damit ich nicht komplett unvorbereitet bin und wenigstens ein bisschen mitreden kann, beginne ich damit, mir etwas Theorie zum Thema anzulesen.
Schließlich muss ich zumindest wissen, was und wie und wo, vor allem aber warum ich mir anzuschaffen habe.

Nebenbei bin ich auch noch total perfektionistisch, was die !!!!farbige!!! Ästhetik meines Outfits betrifft.

Ich bin schließlich ein Mädchen und kaufe schon allein deswegen eher nach Optik, denn Funktion ein. Siehe auch > gelbes Surfboard > aus der Einleitung.

Aber auch die interne Logik muss stimmen.
Da ich Anfängerin bin, möchte ich ungern mit der besten Klamotte und dem teuersten Technoboard in Erscheinung treten.
Das verpflichtet.
Dieser Pflicht kann ich nicht nachkommen.
Mir reicht es vorerst, wenn die Brille zum Board passt und dieses zur Jacke.
Was bei dieser Aussage hart gesottene Pistenjunkies oder ich selbst in 2 Jahren von mir denke/n muss mir jetzt mal egal sein.
Mein finanzieller Rahmen ist äußerst eng bemessen und es geht hier erst mal auch nur um einen „Test“, ein schnelles aufs Brett-Kommen.
In diesem Moment klinge ich vielleicht etwas überspannt, Typ: überkandidelte Großstadtprinzessin, aber mein Ziel ist und bleibt das Wellenreiten.

Anyway…Ein Gang zu H&M ist fällig. Dem nicht gerade„1A Ski- und Snowboardausrüster“, dafür praktisch, günstig und zeitnah modern.

Die besondere Gewichtung liegt derzeit auf Vorletzterem. Aber auch hier gilt wieder:
Farbkompatibel in allen Details.
Außerdem bitte auch sehr WARM.
Nochmal: Ich bin ein Mädchen und Mädchen frieren nun mal schneller, mehr und häufiger, sowie intensiver. leidender und dramatischer als Jungs.
Ich entscheide mich eitel und wärmegeil für eine knallrote Daunenjacke, die ich für wasserdicht halte.

Sie sieht dick aus und macht mich auch ein bisschen dick, so dass ich mich schon beim Anprobieren angenehm aufgewärmt fühle.
Leider ist das Teil ohne jede Wintersportfunktionalität und fern von dem Begriff atmungsaktiv.
Dafür passend zur roten Brille, die ich zuerst hatte. Man muss Abstriche machen. Jetzt fehlt „nur“ noch das Board. Dass dieses zumindest die Farbe Rot enthalten muss, versteht sich in meiner sortiertorganisierten Welt ganz von selbst.

eBay !. Natürlich wird auch dabei wert auf die entsprechende Marke gelegt- ich versuche den Boardsport zu begreifen und halte mich daher erst mal an ganz bekannte Namen, die auch ich schon mal irgendwo gehört habe.
Wie alt das Teil ist spielt dabei für mich nur bedingt eine Rolle, denn: Ich möchte zwar gut aussehen, aber wie bereits erwähnt möglichst nicht der Kategorie Profi zugeordnet werden.

Ebenfalls möchte ich nicht ohne Board im Tal ankommen.

Da ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht viele Snowboard- und Wintersportmarken kenne, beobachte ich das schnittige Burton ( hab ich zumindest schon mal in Zusammenhang mit Wintersport gehört ) Board aus dem letzten Jahrhundert, als die Menschen noch auf Baumstämmen ins Tal rutschten und dabei die Keule schwangen.
Farblich mehr als okay und bestens in das Konzept armer- Anfänger- auf- Board passend.
Nach 5 Tagen und finanziell um 30 € !!! verändert bin ich stolze Besitzerin einer echten Antiquität des Boardsports.
Spontan überlege ich das Teil an die Wand zu hängen, oder es einem Wintersportmuseum auszuhändigen, entschließe mich aber dann doch es in die Berge auszuführen.

Mein erstes Brett. Mir wird warm ums Herz.
Ich springe mit den letzten Resten meiner Rückenschmerzen und Zweifel auf das gute Stück und pose- zumindest das schon mal profihaft- in meinem Rote Zora Outfit auf dem schnittigen Bügelbrett.

Das tue ich bei Zimmertemperatur. Ein paar Tage später geht es los, raus aus dem Zimmer.
Mit Anna im Schlepptau fliege ich nach Stuttgart.
Noch am Flughafen denke ich mir, bloß gut dass keiner im Stande ist durch die schicke Verpackung meines Boardbags zu gucken.

Diese sieht sportlich aus und wurde von mir ebenfalls im Internetauktionshaus erworben.
Man könnte meinen, ich verstünde was von der Materie.

Ja, das hier ist mein Flughafentag - zu dem mir übrigens mal wieder niemand hinterher gerannt ist, um mich aufzuhalten oder mir wenigstens traurig auf Wiedersehen zu sagen-, mein Snowboard und die neue, wieder fast richtig sportliche Tine.. Ich bin stolz. Zumindest ein Teil meiner Träume kommt endlich in Schwung.
Es geht los.
Trotz meiner profihaften, wenngleich auch nicht gerade standbyflugförderlichen Überausrüstung kommen wir beide mit.
Vielleicht sollte ich kurz erwähnen, dass sowohl Anna, als auch ich zu diesem Zeitpunkt Mitarbeiterinnen einer Fluggesellschaft sind und dass das Standbyfliegen die zwar günstigste Variante in Bezug aufs Reisen für uns ist, nicht aber unbedingt die Bequemste.

Letzteres erklärt sich durch die Tatsache, dass wir immer zuletzt die Maschine „betreten“ und zwar und NUR dann, wenn der Flieger oder Pilot noch ein Plätzchen bzw. etwas für uns übrig haben.
In Sachen Über- und Sportgepäck bedeutet dies aber auch, dass man kurz vor knapp noch mal mit Klimm und Bimm durch den Flughafen spurten muss, um irgendwo irgendwie schnell einen Sperrgepäckschalter ausfindig zu machen.

Standbyfliegen bedeutet also nichts anderes, als: Mitkommen, wenn noch etwas frei ist und dies meistens ganz am Schluss.
Das hat zwangsläufig genervten Mitreisende zur Folge.
Genervte Mitreisende sind die, die schon in der Maschine sitzen, während ein zwei Gäste „etwas“ später dazu stoßen.
Klar, dass genervte Mitreisende immer ein Opfer wählen, welches Schuld ist, dass die Maschine 3 Minuten später los fliegt als geplant.
Immerhin entlasten wir damit das flugbegleitende Personal, das sonst immer dran ist.

Der Gang durch die bereits vollbesetzten, wartenden Reihen ist eins von den Dingen die ich am Standbye Fliegen nicht besonders schätze…obwohl— manchmal ist es auch ganz unterhaltsam..

Ebenfalls wichtig bei einem Mitarbeiterflug ist das richtige Outfit. Airlinemitarbeiter sollten sich möglichst nicht durch Flip Flops und Strohhut- kurz: als Touristen- hervorheben. Dies schon mal als Hinweis auf spätere Passagen.
Die Maschine heute ist nicht so arg voll. Wenn wir wollten, hätten wir die freie Platzwahl.
Das freut uns und die Reise beginnt entspannter, als viele andere davor und danach.
In Stuttgart angekommen, wuchte ich meine gut verpackte Brettsensation erneut durch die Gegend und fühle mich wie eine echte werdende Wintersportlerin.
Mal sehen, ob mir im Laufe der nächsten Tage jemand Geld für das Teil bietet.
Wundern würde es mich nicht.
Aber: Wenn man seine Träume schon fast aufgeben musste, ist selbst ein Moment mit dem ältesten Brett der Menschheit im Schlepptau riesengroß.
Ich, Anna und das Mammut werden von Anna’s Schwester abgeholt.
Annas Vater übernimmt die Weiterfahrt nach Österreich.
Nach etlichen Kilometern verschneitverschlitterten Kurvenstraßen und daraus resultierender Übelkeit… ich komme mir vor, als führe ich seit Stunden im Kreis- und wenn ich was nicht gut ab kann, dann ist das stundenlanges im Kreis fahren- sehe ich ihn: Den ersten Berg meines Lebens.

Nur im Dunkeln und schemenhaft, lässt er mich erahnen, welche Landschaftsform ich bisher meinem visuellen Blickfeld vorenthalten habe.
Ich staune und fühle mich wieder wie ein Kind. Großartig. Es kann losgehen. Vorher muss ich aber erst noch das Kunststück vollbringen MIT dem kompletten Inhalt meines Magens am Ziel anzukommen.
Ich kaue Luft, fixiere den Horizont oder was auch immer sich gerade fixieren lässt, singe eine Mantra und vollbringe es.
Schwerösterreichernde - ich verstehe kein Wort- sehr nette Menschen begrüßen uns.
Das lese ich aus ihrer Gestik. Sie scheinen sich über uns zu freuen.
Im Dunkeln lässt sich ein uriges, altes Holzhaus erkennen.
Das einzige Haus, was mir als Vergleich in den Sinn kommt, obwohl ich es nur aus dem Fernsehen kenne, ist die Schwarzwaldklinik, bzw. das Haus aus dem Vorspann der Schwarzwaldklinik.

Samstagabend, beste Sendezeit. Friedliche Menschen, helfen friedlichen Menschen in friedlicher Umgebung, während die kleine frisch geduschte Tine in einem Bademantel auf der Couch sitzt und friedlich ein Käsebrot isst.

Ich sehe mich um, kann jedoch nicht viel erkennen. Es ist stockfinster. Den Umriss des Berges von vorhin in der Erinnerung, freue ich mich auf den nächsten Tag- jetzt aber erst mal auf trockenes Brot und Wasser oder eine Pille gegen Seekrankheit. Mir ist noch immer SEHRsehr schlecht.

Anna, ich, der Papa und die, deren Sprache ich nicht verstehe, sitzen noch einen Moment beisammen, dann torkeln wir alle ins Bett. Es ist schon spät.

06.00 Uhr am nächsten Morgen: Ich bin W.A.C.H.. und MUSS das jetzt sofort auch allen Menschen mitteilen.
Schließlich werde ich heute zum ALLERERSTEN MAL auf einem Snowboard stehen und ich habe absolut keine Zeit für irgendwelche Unterhaltungen, Frühstücksorgien oder Badezimmerschlangen- .

Das Leben ist mir manchmal einfach zu langsam. Ich muss JETZT los.
Unkonzentriert schlinge ich mein Frühstück runter. Zeitverschwendung.
Die gestern Nacht nur in Umrissen wahrgenommene Landschaft ist heute in ihrer ganzen Gewaltigkeit präsent.
Ich staune so, wie ich als Dreijährige über das Wort „Zentrifugalregulator“ gestaunt habe. Berge, riesengroße echte Berge und soviel Schnee, dass es für fünf Berliner Winter reicht.

Mein hyperaktiver Tatendrang treibt mich zunächst zu Fuß den Übungshügel hinauf.
Ich setze mich in den Schnee, fummle eine überlange Weile an meiner Uraltbindung herum und schaue ein bisschen zu.
Gerade so lange, bis mein Kopf wieder beginnt meinen Körper zu überholen.. DER erste Moment ist gekommen. Wie immer in denkwürdigen Situationen mache ich zunächst ein Foto,…

Schuß und Tor

Schuß und Tor


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