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Weisswasser, Wellenreiten und Wunderkinder- Kapitel 11

Samstag, 25. Februar 2012

März/April 2006 Kapstadt, eine Surfreise

Seit meinem ersten Surfversuch im Surfcamp auf Fuerteventura sind ein paar Monate ins Land gegangen.
Es haben sich viele Freundschaften entwickelt, ein guter Film ist entstanden, unzählige Fotos wurden geschossen und die Gier nach ME(E)HR lässt mich nicht ruhen.

Wenn man surft und einen diese Todsünde einmal am Wickel hat, muss man ihr leider nachgeben und mindestens einmal im Jahr einen dieser wunderschönen Orte auf der Welt besuchen, an denen man jener verrückten Sportart (dem Wellenreiten) nachgehen kann.

Meine Sms lautete „ Aloha Carla, ich brauche einen Surfplan, meld dich mal- die Tine aus Berline..“ Lustig…Total kreativ…Aber es hat gereicht:
Die Antwort bestand aus mehreren Telefongesprächen und einer längeren Internetrecherche.
Immer noch Mitarbeiter ein und derselben Airline, haben wir die “Qual der Wahl”.
Die Welt liegt uns zu Füßen, nur die Zeit nicht so ganz.
Portugal ?, Frankreich ?, Nordspanien ? wieder die Kanaren ? Kapstadt ?
Der Impfungen und der längeren Vorbereitungszeit wegen, klammern wir den asiatischen Luft- und Wasserraum erst einmal aus.
Mein letzter Urlaub in Thailand hat einen nicht ganz unerheblichen Impfapparat nach- bzw vor sich gezogen, der mich bereits vor der Reise das halbe Urlaubsgeld gekostet hat.
Nach 5 Telefonaten und einem TV Bericht über ein Surfamp in Südafrika steht fest:
Wir fliegen nach Kapstadt.
Das Camp dort verheißt nette Menschen, sieht phantastisch aus und ist in deutscher Leitung. Letzteres ist zwar nicht ausschlaggebend, erleichtert uns jetzt aber in der kurzen Vorbereitungsphase eine Menge Existentielles.

In Sache Standbyfliegen ist Kapstadt allerdings neben Bangkok so ziemlich das Gewagteste, was man sich erdreisten kann per Warteliste zu bereisen.

Am Morgen des 31.03.2006

stehe ich noch ohne Surfboard, dafür aber mit viel Gepäck- wie immer- am Flughafen Berlin Tegel (dem wahrscheinlich kleinsten Hauptstadtflughafen der Welt) und hoffe, dass ich NUR das eine, nämlich mitgenommen werde. Nicht mehr und nicht weniger.
Die Maschine sieht gut aus.
Das sagt man so, wenn man sich die Kapazitäten ansieht und den Wind des Optimismus riechen darf.

Die unattraktive Zeit um nach Frankfurt meinem Umsteige- und Carlatreffpunkt zu reisen, könnte mir jetzt zugute kommen.
Während ich in Berlin ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trete, schwitzt Carla in einer Prüfung in Frankfurt und dürfte somit ähnlich nervös sein.
Ich sehe mich schon einchecken- endgültig- da wird es plötzlich sehr schnell sehr, sehr voll an meinem Schalter.
Mit meinen nichtvorhandenen französischen Sprachkenntnissen, entschlüssele ich neben „Merci“ und „mierde“ wenig, kann aber zuordnen, dass ersteres die sagen die einchecken und letzteres die brüllen, die nicht einchecken.
Ich stehe auch irgendwo da und sehe meine Möglichkeiten auf eine Vokabel zwischen “merci” und “mierde” endgültig wegschwimmen, da werde ich aufgerufen.
Aus irgendeinem mir nicht erfindlichen Grund habe ich mal wieder mehr Glück als Verstand und werde auf einen der allerletzten Plätze dieser jetzt übervollen Maschine gestopft.
Wie ich später erfahren soll, handelte es sich um den Ausfall zweier anderer Zubringer mit Ziel – wen wundert’s? – Paris. Ergo wurden aus drei Maschinen eine gemacht- und wieder “Ergo” schimpft und lobt alles auf Französisch.
Ich verstehe kein Wort und habe schon jetzt ein Gefühl von Ausland, allerdings nicht von dem Ausland, in das ich- mit einem Glück, das mir hoffentlich weiterhin treu bleibt- schon demnächst einreisen werde.

Da solche Sachen wie Flugzusammenlegungen immer eine Kette von Ereignissen nach sich zieht, suche ich in Frankfurt FRA erst mal meinen- ich korrigiere- meinE Koffer. Flugnummer? Gepäckband? Ich checke gar nichts. Für welche der drei Flugnummern haben die sich hier entschieden ? Muss ich jetzt die Quersumme bilden? Einen Mittelwert errechnen ? Welches Band kann ich mir aussuchen? Das Schönste? Das Längste? Das Französischste?
Ich bemerke scharfsinnig, dass ich inzwischen alleine mit zwei weiteren Kofferhoffern am doch augenscheinlich falschen Band stehe, als das letzte Gepäckstück seine Runde dreht.
Ich habe noch ein bisschen Zeit, wirklich nicht viel und werde langsam nervös, da sehe ich durch einen optischen Zufall (Spiegelung in der gegenüberliegenden Klotür) meine Fundstücke an einem weit entfernten Band ebenfalls seine einsamen Runden drehen.
Spontan entwickle ich sehr große Freude und mache einen beherzten Schritt in die richtige Richtung. Dort sammle ich meine vermissten Habseligkeiten im Eiltempo ein und mache mich- jetzt aber rubbeldiekatz- auf den Weg zu dem Schalter, an dem ich auf eine hoffentlich pünktliche und positiv prüfungserleichterte Carla treffe.
Vorher mache ich noch einen Schlenker über einen der immer großartig sortierten Flughafenbuchläden.
Ich entscheide mich für ein Buch über „Körpersprache“ und ein weiteres über Kapstadt, danach bewege ich mich in Richtung Abflugort. Ich komme nur bis vor den Buchladen.

Irgendsoein Typ lässt mich nur dann weiter gehen, wenn ich ihm nochmal??? hier??? meine Boardkarte zeige.
Alle anderen Menschen um mich rum dürfen auch so weitergehen.
Ich fühle mich unnötig statistisch erhoben, fummle umständlich nach meinen Dokumenten und drücke sie dem Offiziellen, der sichtlich genervt ist, in die Hand.
Macht nichts, ich habe Urlaub und einer meiner Grundsätze lautet: Im Urlaub gibt es keinen Stress!
Nach einer stressresistenten “Zurückfummelei”- denn, natürlich bin ich im Besitz einer gültigen Boardkarte- mache ich mich dann endlich auf den Weg.

Carla ist noch nicht da. Ich erspähe eine Bank mit Blick auf den Schalter und entscheide mich spontan fürs Rumsitzen und Warten. Etwas anderes bleibt mir auch kaum übrig.
Mit einem kleinen Unbehagen registriere ich ein erhöhtes Passagieraufkommen vor dem Schalter unserer gewünschten Maschine.

Ich hätte mich wohl besser woanders hingesetzt, denn es ist nicht gerade beruhigend mit anzusehen, wie voll es zu werden scheint.
Besonders beunruhigend ist dieser Umstand, wenn man Größen und Mengen nicht einschätzen kann. So wie ich.
Die Maschine erscheint mir vergleichsweise mickrig im Gegensatz zu der Menge von Menschen, die gerne einsteigen möchten.
Wieder plane ich eine Alternative und seh mich in Frankfurt Äppelwoibembelsche heben und den blauen Bock besuchen.
Eine kurze Kindheitsepisode lang rast Heinz Schenk an meinem inneren Auge vorbei.
Den gab es immer bei der Oma mütterlicherseits und zwar an JEDEM Samstag Abend an dem nicht Winnetou und nicht Bud Spencer & Terence Hill kamen.
Nach ‘nem ordentlichen Stück Torte und vor dem Gang ins gebügelte Bettzeug.

Ich starre abwechselnd in die Richtung aus der ich Carla vermute, wieder zum Schalter und zwischendurch in eins meiner neuen Bücher, dem ich zu diesem Zeitpunkt jedoch nur fahrig ein paar Bilder entnehmen kann.
Endlich!! 10 Minuten später sehe ich Carla mit fliegender Frisur auf mich zustürmen, das heißt zunext vorbei.
Als wir uns dann endlich haben, entschließen wir uns dazu gemeinsam ein bisschen schneller zu handeln und stellen uns zackig in eine sehr deutsche- Reihe. Das sage ich so, weil ich das Thema „Anstellen“ noch ganz anders kennenlernen werde. Carla ist durch die Prüfung gefallen, dafür bekommen wir einen Platz auf der Maschine, nebeneinander.
Alles hat seinen Preis. Die Economy Class der Airline mit der wir heute fliegen ist überraschend anders- besser, als alle Economy Classes, die ich bisher gesehen habe.
Der Touchscreen bietet so viele Variationen zum Tatschen, dass ich am Ende keinen Film zu Ende gesehen habe.. Vielmehr kenne ich jeden Sender und habe in alles mal reingesehen.
Wer die Wahl hat…

Noch dazu sitzen wir in der Notausgangreihe und können uns über mangelnde Bewegungsfreiheit im Fußraum wirklich nicht beklagen.
Es muss eine wichtige Prüfung gewesen sein, die Carla da versemmelt hat.
Alles ist perfekt, ein großartiger Beginn für die Reise auf einen anderen Kontinent.
Wir gönnen uns ein Bier, lehnen uns zurück und schauen jeder auf seinem eigenen Bildschirm in das jeweils Ertatschte. Hoch lebe dieser Flug. Here we go- Richtung Capetown- Südafrika
8 Stunden später steigen wir etwas zerknittert- ich ein bisschen mehr als Carla- denn die kann in Flugzeugen schlafen- aus der Maschine.
Die warme Luft und das gleißende Licht des noch sehr jungen Morgens heißen uns willkommen.
Wir sollen abgeholt werden.
Ich halte Ausschau nach Claus einem der Jungs vom Surfcamp, welches wir ausgewählt haben.
Da Claus so blond ist wie ein Weizenfeld, sollte es nicht allzu schwer sein, ihn schnell zu finden.
Wenn jemand aber nicht da ist, ist es allerdings schwer diesen Jemand zu finden.
Es ist 6 Uhr in der früh, als ich eine Sms verschicke und um Gehör sowie Abholung bitte.

Die Antwort lautet „ Was gibt es denn so früh am Morgen? „ Ich schreibe zurück „Uns“. 30 Minuten später steht ein verstrubbelter Blondschopf vor uns, der noch lange nicht so wach ist, wie wir.
Mit samt Geraffel steigen wir in seinen alten VW- Bus und steuern zunächst einen deutschen? Bäcker an.
Ich bin müde, mir soll es recht sein. Satt bin ich noch vom Flug, gönne mir aber dennoch ein „deutsches“ Schokobrötchen in Erwartung irgendeiner sensationellen Entdeckung.
Die bleibt aus.
Ich werde nur noch müder. Claus’ alter VW Bus fährt uns durch die Landschaft des morgendlichen Südafrikas.
Es sieht zunächst nicht viel anders aus, als bei uns.. kann aber auch an meinem nicht mehr vorhandenen Urteilsvermögen liegen.
Man hätte mich auch in der Tundra aussetzen können.
Ich würde jetzt alles für ein Surfcamp halten.
Ich bin froh, dass ich nicht fahren muss, in Kapstadt herrscht Linksverkehr.
Eine Sache, die mich gerade noch zusätzlich verwirrt.

Nach einiger Zeit - 1 Stunde? - erreichen wir die Dolphin Road.
Was für ein schöner Name. Wäre das nicht eine Adresse für mich? Unterwegs kann ich noch einen schnellen Blick auf das Wahrzeichens Kapstadts werfen: den Tafelberg.
Der Ozean begleitet uns nun auch schon eine ganze Weile und erfreut stelle ich fest, dass er nur wenige Meter Fussmarsch von unserer Unterkunft entfernt liegt und dass weiter draußen sensationelle Wellen brechen.
Ebenfalls sensationell ist der enorme Wind, der uns bei Verlassen des Busses unsanft hinaus reißt.
Claus assistiert uns- für seinen Zustand doch recht fix- dabei unser mehr oder weniger wegfliegendes Gepäck unter ganzem Körpereinsatz in die Hand zu drücken und zeigt uns im Schelldurchlauf wo wir etwas finden, wenn überhaupt und wo wir schlafen werden, wann auch immer.

Das Hostel ist phantastisch. Mehrere kleine, ausgesprochen liebevoll gestaltete Bungalows reihen sich neben und umeinander.
In dem eher unauffälligen Hof, hätte man niemals vermutet, dass sich dahinter eine solche Oase verbirgt.
Die Küche ist ein offen gestalteter Raum, die sich nahtlos an ein Zimmer mit Kamin und hübschen Sitzgelegenheiten reiht.
Da sich derzeit mehrere, aber trotzdem eher weniger Bewohner hier aufhalten, finden wir mühelos einen Schrank in der Küche in dem wir unsere noch nicht vorhandenen Lebensmittel verstauen könnten.
Hinter dem Kaminzimmer befindet sich eine kleine Terrasse mit Pool und einem Platz zum Grillen.
Die Südafrikaner nennen das Barbeque “Braai”. Also einen Platz fürs Braai.
Ich freue mich über die Wahl unserer Unterkunft und bin gespannt, wer hier noch so alles wohnt. Einige alte VW Busse stehen vor unserem Fenster.
Vorerst sehnen wir uns nach unseren Betten und verschwinden für die nächste Stunde in unserem kleinen, stylischen Bungalow.
Ich bin so müde, dass ich nicht mal meiner üblichen Angst verfalle, ich könnte etwas verpassen und schlafe fast umgehend ein.
Die bereits erwähnte Stunde später wachen wir beide etwas mitgenommen auf.
Ich bin bereits wieder wach genug, um Angst zu bekommen, das mir etwas entgehen könnte und springe draufgängerisch aus meinem südafrikanischen Leihbett.
Mit nur einer Stunde Zeitunterschied zu Mitteleuropa- während der Sommerzeit herrscht sogar Zeitgleiche- haben wir kein Problem, einfach dort weiterzumachen, wo wir aufgehört haben.
Es ist 16:00 Ortszeit, 15:00 in Berlin, Zeit eine Runde durch den “Ort” zu drehen, um uns wenigstens einige wenige Frühstücksmittel und etwas Wasser zu besorgen.
Als ich den Vorhang zur Seite ziehe, bemerke ich dass jemand an einem der VW Busse werkelt. Spontan beschließe ich ein paar Minuten mehr Zeit auf mein Äußeres zu verwenden.
Wow…Halleluja! Hoch lebe Kapstadt!
Ich freue mich über so attraktive Mitbewohner und Carla pfeift ebenfalls leise durch die Zähne, als sie unseren ersten Nachbarn erblickt.
Schön, sportlich und einen schönen, sportlichen VW Bus. Was will man- zumindest auf den ersten Blick mehr ? Egal.
Wir müssen los.
Dass wir dazu besser nicht unser ganzes Bargeld mitnehmen und die dicke Kamera auch zunächst im Zimmer lassen, wissen wir von Claus, der uns neben seiner kleinen Führung auch ein paar wissenswerte Kleinigkeiten über die unmittelbaren Nachbarn erzählt hat.
Wegen der immensen Unterschiede von Arm und Reich kommt es leider immer wieder zu Überfällen.
Wir beherzigen seinen Ratschlag, gehen aber vorurteilsfrei und wenig ängstlich an die Sache heran. Ich freue mich, dass ich Gast in diesem Land sei darf und vergesse das Ganze soweit man es nur vergessen kann.
Wir schlendern durch den herrlichen Sand am Ozean entlang.
Die Silhouette des Tafelberges ist majestaetisch.
Bei guten Sichtverhältnissen kann man sogar bis nach Robben Island schauen, wo Nelson Mandela 27 lange Jahre seines Lebens in Haft verbracht hat.. Heute ein Natur- und Nationaldenkmal
Robben Island ist allerdings auch noch für etwas anderes berühmt: Robbenkolonien.
Robben sind putzig anzusehen und lecker für die, die in der Nahrungskette weiter oben stehen.
Ergo sind auch genau diese dann da, wenn der Magen knurrt.
Irgendwie weiß man das, ignoriert es aber auch ganz gerne, vor Allem dann, wenn man von seiner Zeit ganze zwei Portionen im Jahr am Meer verbringen kann.
In meinem Fall wirkt hier einfach mal Verdrängung.
Vor der Kulisse von Kapstadts Wahrzeichen- dem Tafelberg- können wir Surfer erkennen.
Die Welle scheint weit draußen zu brechen, man sieht nur kleine schwungvolle Punkte, die sich mit dem Shape der Welle bewegen.
Man müsste schon einen Außenborder mitnehmen, um schneller zu seine, als die großen, weißen Robbenfreunde.
Ich beschließe während dieser Reise mal nicht in meinen Neoprenanzug zu pullern- und wenn ich platze.

Wir kaufen 1 Flasche Rotwein und diverses Zeugs, was ich in Deutschland noch niemals probiert oder je in Zusammenhang mit einem Lebensmittelladen in Verbindung gebracht hätte.
Eine der schönen Nebenerscheinungen beim Reisen.
Ich liebe Supermärkte in anderen Ländern.

Dabei fällt mir auf, wie teuer hier die Lebensmittel sind.
Zumindest die, die wir mögen und brauchen.
Ich bin ein bisschen schockiert, denn noch auf dem Flug hierhin ist mir mehrfach der Gedanke gekommen, nach Südafrika auszuwandern.
Ich muss dazu sagen, dass unsere Firma eine Zweigstelle in Downtown Kapstadt hat und möchte mich gleichzeitig davon distanzieren verrückt oder weltfremd zu wirken.

Die Idee beschäftigt mich seit Wochen und ein bisschen erhoffe ich mir von dieser Reise, dass ich an ihrem Ende weiß, ob und wo ich wenigstens eine Zeit meines Lebens verbringen könnte, außer in Deutschland.
Bisher weiß ich lediglich, dass es ein Ort sein muss, an dem es Wellen gibt.
Als wir mit zwei Tüten den Seven Eleven Shop wieder verlassen, ist vom Tafelberg nichts mehr zu sehen. REIN GAR NICHTS! Die Sicht ist gut, aber der Berg ist verschwunden.
Ich drehe mich um, schaue fragend- zumindest habe ich das Gefühl, dass ich fragend schaue.
Wahrscheinlich sehe ich in diesem Moment ziemlich desorientiert aus- fühlt sich zumindest so an.
Ich möchte nicht wissen, wie viele Touristen im Jahr statistisch genau dieselbe Bewegung machen und dabei genauso bekloppt aussehen.
Vielleicht haben wir durch den entgegengesetzten Ausgang den Laden verlassen ?! Es gibt keinen entgegengesetzten Ausgang.
Na, Shit happens. Vielleicht erklärt sich das Phänomen ja von selbst.
ABER: In Anbetracht der Tatsache, dass wir lediglich 10 Minuten im Geschäft und damit ausser Sichtweite des Gesteinmassivs verbracht haben, ist uns beiden etwas wunderlich zu Mute.
Wie kann etwas so großes in so kurzer Zeit einfach so verschwinden?
Ich bin zu müde um vernünftig nachzudenken, bemerke aber trotz dieser Tatsache und für meine Verhältnisse dann doch noch relativ zügig, dass das Meer- und nur das Meer- in dichten Nebel gehüllt ist: Seafog. Never seen.
Eine typische Wettererscheinung für diese Region und Jahreszeit.
Den Tafelberg hat es auch gleich mit verschluckt. Na dann Mahlzeit.
Unheimlich, wie schnell es so nebelig geworden ist, dass man draußen auf dem Ozean- und nur dort- die Hand nicht mehr vor Augen erkennt.
Noch unheimlicher, dass man alles andere jenseits der Wassergrenze bestens sehen kann.

Ich stelle mir vor jetzt auf meinem Surfboard zu sitzen. Seltsame Vorstellung. Ich projeziere noch eine spitze Rückenflosse in dieses Szenario und mein Kapstadt- Supergau ist perfekt.

Wir machen uns auf dem “Heimweg”.
Es ist kühl geworden und der Wind hat ein wenig zugenommen.
Mit jedem Schritt in Richtung Hostel lichtet sich der Nebel ein wenig und gibt die Sicht auf Kapstadts Wahrzeichen wieder frei. Na, Gottseidank- was man nicht sieht, glaubt man ja oft nicht.

Wieder wundere ich mich über die Geschwindigkeit mit der diese erneute Umgebungsänderung von statten geht.
Nach der Mitte des Weges bleiben wir stehen.
Die Stimmung ist seltsam und man könnte meinen, der Nebel verschluckt auch jedes Geräusch.
Um mal wieder wirklich alles festzuhalten mache ich ein paar Photos. Ich weiß, Geräusche kann man nicht einfangen, aber wenn ich mir die alten Bilder von manchen Situationen heute ansehe, ist es…als erlebe ich sie noch einmal. Diese Szene möchte ich immer wieder erleben.
Sie ist gruselig und wattig, pastellgelb und ruhig.
Das Bild fühlt sich an wie ein sanfter Vollrausch.
Die Sonne geht jetzt langsam unter und in der Kombination mit dem vielen Wasserdampf entsteht ein weiches Licht, welches ich in dieser Art noch niemals zuvor gesehen habe. Eine eigenartige aber wunderschöne Atmosphäre. Fast ein bisschen impressionistisch. Van Gogh hätte sicher sofort jeden verfügbaren Pinsel ausgepackt.
Ich weiss nun warum dieser Ort so viele Photographen, Sonnenuntergangsjünger und heiratswillige Paare anzieht und ergebe mich heute zum ersten Mal bedingungslos einer von Südafrikas vielen wunderschönen Facetten.
Carla und ich frieren wie zwei Sommeridioten- wir sind natürlich viel zu dünn angezogen- wollen aber diesen Moment noch nicht so bald verlassen.
Wir beschließen unsere Flasche Wein gleich hier zu öffnen. Den Korkenzieher haben wir in weiser Voraussicht schon vorher eingesteckt…Man kann ja nie wissen.. Und so sitzen wir mit den Zähnen klappernd, von Ergriffenheit gepackt im eiskalten Sand von Tableview am Bloubergstrand und freuen uns, dass wir hier sind. Der erste Abend kann beginnen.

Als wir ins Hostel kommen hauen wir uns erneut auf Ohr.
Wir erwachen erst wieder, als es ordentlich kracht und donnert. Gewitter? Der Tafelberg ist umgekippt? Nein, wir haben das letzte Land in der WM der Feuerwerke verpasst. Verschlafen.

Bloubergstrand- Kapstadt

Bloubergstrand- Kapstadt


OTRO MODO Surfcamp