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Weisswasser, Wellenreiten und Wunderkinder - Kapitel 1

Hallo Leute,

das folgende verdient den Titel Buch nicht, ist aber zumindest lesbar und hat einen kleinen Anspruch darauf zumindest teilweise gewürdigt zu werden.
Wenn man mal nur von den vielen Buchstaben und Geschichten - also der Quantität des Ganzen- ausggeht.
Ausserdem passt es hervorragend in diesen Blog und kommt damit endlich einmal aus der verstaubten Schublade, in der es seit Jahren modert.
Wer das Kapitel mit den hektischen Schwestern oder die Sache mit der roten Daunenjacke überspringen möchte, möge das tun.
Allen anderen wünsche ich viel Spass in den den bedeutenden und unbedeutenden Tagen meines surfenden Selbst, DENN: Wie kommt man eigentlich dazu auf Fuerteventura zu leben ? Warum gerade Surfen? Und wer von alldem nicht genug bekommt, der kann sich von nun an 14 tägig auf weitere Anekdoten aus meinem Leben freuen.

„Weißwasser“ von Tine Westphal

Ich habe mal irgendwo das hier gelesen:
“Wenn das ES über das ICH gewinnt, sollte dringend ein ÜBERICH eingreifen.”
Leider weiss ich gerade nicht, wo ich dieses ÜBERICH hernehmen soll.
Es gibt nämlich KEINS:

- KEIN überbuchter Flug, der mich daran hindern könnte das Weite zu suchen.
- KEIN übereifriger Liebhaber, der mir unter Einsatz seines Lebens und nach einer dramatischen Taxifahrt zum Flughafen mit mindestens einer Verfolgungsjagd bis in die Boardingarea hinterherläuft, es irgendwie schafft, die Sicherheitsschleuse zu umgehen- ich habe noch nie jemanden getroffen der das konnte, außer den Typen im Film- ; sich dann- ohne einen Tropfen Schweiß vergossen zu haben, aber dennoch merklich sportangeregt, vor meine Füße wirft um schlussendlich und kein bisschen aus der Puste- „Verlass MICH nicht“ zu flehen.
- KEIN Job, der nicht auch ohne mich funktionieren würde und schließlich auch
- KEINE Großstadt, deren Lichter nicht angehen werden, nur weil ich das Land verlassen habe.
Manchmal finde ich das Leben könnte ein kleines bisschen mehr ÜBERICH’s für mich bereithalten.
Und genau deswegen hat das ES mal wieder mit einer satten Länge Vorsprung gewonnen.

Aus einem dominanten ES ist schlussendlich eine Reise geworden oder besser gesagt der Beginn von etwas das mit Wasser, Surfen und Freiheit zu tun hat…es hat ein bisschen gedauert und es gab einige Umwege ..aber auch kleine Schritte lohnen und das Leben hält oft die absonderlichsten Dinge bereit ;)

01.02.2007

Wir schreiben Anfang Februar. Genau genommen handelt es sich sogar genau und Punkt um den ersten. Wir haben das Jahr 2007, ich gehöre zu der Generation, die zur Jahrtausendwende schon legal harten Alkohol trinken durfte und bin der Meinung, dass aus Kindern, die mit Playmobil und den Drei ??? groß geworden sind, grundsätzlich keine schlechten Erwachsenen werden können.
Statt stundenlang vor der Playstation zu sitzen, um virtuellen Familien ein neues Zuhause zu geben oder bösartigen Monstern einen von sieben Köpfen abzuschießen, hatten wir noch Freunde wie „ Klingt- Komisch- ist- aber- so- Peter- Lustig “, fanden das Rumschrauben an Zauberwürfeln ausgesprochen spannend und das neueste YPS- Gimmick so aufregend, wie das Tor des Monats.
Ich erinnere mich an die vielen sagenhafte Momente in dem „Wir- haben- alles – außer – Schreibwaren-Laden unserer Straße, indem es neben dem oben erwähnten Heft auch so notwendige Dinge wie Riechradiergummis, Wundertüten und Herzchenbleistifte gab.
Mein Leben war perfekt, wenn mich die YPS Crew mal wieder mit einem neuen Teil für mein noch nicht vollständiges Detektivset beglückten:
Um-die-Ecke- Guck- Brillen, Plastikhandschellen, über die sich Kinder, die Monster erschießen heute totlachen, Zelte aus Plane mit YPS Motiv, Spiegelsets, Ferngläser, Detektivausweise, „echtes“ Fingerabdruckpulver.. to be continued. An solchen Tagen vorschulkindlichen Glücks schnappte ich mir mein Köfferchen und eine Freundin und überprüfte Nachbarn, Haustiere, Passanten, Eltern und andere Unbedarfte auf alles, was der übrigen Erdbevölkerung schaden könnte. YPS sei dank war ICH bestens ausgerüstet für jede Art von Weltuntergang, feindliche Übernahmen durch Aliens oder Massenmörder und im Falle eines Atomkrieges, hätte ich einfach mein „strahlensicheres“ Plastikzelt aufgeschlagen. Mein Leben war ein einziges Abenteuer und ich jederzeit bereit für akribische und erfolgversprechende Ermittlungsarbeit.
Manchmal wünschte ich mir, auch heute noch ließe sich die Welt lediglich durch ein kleines Plastikköfferchen und eine gute Freundin verbessern.

Heute sitze ich auf den Überresten meines ehemaligen Bettes- zwei übereinander gestapelten Rückenproblematikmatratzen, die in ihren besten Zeiten mal nebeneinander gelegen haben, aber orthopädisch dadurch auch nicht wertvoller gewesen sind-, im Arbeitszimmer meiner Eltern und warte mal passiver, mal aktiver auf den 24. des Monats. Im Dezember wäre die Sache halbwegs nachvollziehbar, erklärt aber noch nicht meinen derzeitigen Aufenthaltsort. Zunächst ließe sich auf eine gescheiterte Existenz mit Weihnachtspsychose schließen, denn es gibt wohl kaum jemanden, der mit über 30 noch bei seinen Eltern sitzt, um auf irgendeinen Wink des Schicksals zu warten.
Ich gebe zu, ich mag Weihnachten nicht besonders und habe es auch im letzten Jahr wieder einmal vernachlässigt, aber so schlimm ist es nicht.

In dem kleinen Zimmer, was ich mittlerweile sehr lieb gewonnen habe, stehen ein Fernseher, eine Pflanze die - oh Wunder- selbst meine Existenz nicht daran hindert weiter zu gedeihen, diverse Möbel, der soeben bereits erwähnte Kater in Weltuntergangsstimmung, vorwiegend anzutreffen in der Mitte des Geschehens, und dann sind da noch die Kartons mit den Überbleibseln aus meinen früheren Leben in verschiedenen Haushalten und mit verschieden Menschen. Erschreckend viel. Viel zu viel. So viel, dass ich geradezu Atemnot bekomme, wenn ich mich umsehe.
Die Tür kann ich nur durch ein ausgeklügeltes System daran hindern nicht ständig beim Zufallen an mir oder irgendeinem Gegenstand hängen zubleiben.

Fury

Gegenstände, die eine Geschichte haben, aber auch Sachen, die sich noch in einem gewissen Schonfrist-Zwischenuniversum befinden, bevor sie ihren endgültigen Weg in die Entsorgung oder zweite Hand antreten. Alles das quillt jetzt munter aus einem kleinen Zimmer, welches ich von meiner Matratze aus regiere. Umstapelt von meinen „Untertanen“ den derzeit größten Feinden im Kampf um Unabhängigkeit und globale Leichtigkeit- fühle ich mich allerdings weniger wie eine Herrscherin, als eine Beherrschte.

In diesen Momenten mache ich die schlaue Erfahrung, dass sich selbst dann wenn man regelmäßig ausmistet oder problemverlagernd ausrangiert- was ich in den letzten 33 Jahren durchaus das ein oder andere Mal getan habe-, die ein oder andere Antiquität, das ein oder andere Fundstück, die ein oder andere Absonderlichkeit ansammelt.
Ich sag nur: eBay - “Dachbodenfunde”.

Überdies und ganz ehrlich sollte man sich selbst ab und zu eingestehen, dass sich auch die Mode kontinuierlich weiterentwickelt.
Beispiel: knallbunter Grobstrickschal: Wie oft habe ich dieses wirklich HÄSSLICHE!!! Teil …ich schwöre er war nie schön ( nur besonders ), liebevoll durch meine Hände gleiten lassen, um ihm zu sagen, dass er der Allerschönste ist und mich gleichzeitig bei ihm entschuldigt, dass ich ihn in diesem Winter auch wieder nicht tragen werde, denn da ist ja schließlich auch noch der geringfügig schönere Braune, der ab und zu und immer mal wieder moderne Gelbe und schlussendlich auch noch der unauffällige, verschnittene Graue. Weg damit! Kerzenständer, die in einem gewissen Lichteinfallswinkel bei einem Abendsonneanteil von mindestens 60%- und nur dann- hübsch pink leuchten: Weg damit! Figürchen, von denen man immer gedacht hat, dass man sie nicht besitzt und alle die, die so was mögen sonderbar findet, weil man bis heute nicht begreift, wie man sich mit grinsenden Hündchen und Kulleraugen- Kätzchen aus Porzellan umgeben kann ohne auf Dauer den Verstand zu verlieren.
Die alte Manitou Schallplatte, die ich mal mit 7 Jahren auf der Kirmes an einem schmierigen Losstand unter Vorzeigen eines 3 Punkte Loses gewonnen habe und die deswegen als offiziell erste Schallplatte meines Lebens gilt. Auch weg!
Bis heute bin ich traumatisiert, dass meine erste Schallplatte nicht wenigstens ein bisschen cool gewesen ist und neidisch auf die, die lässig „Run DMC“ oder Depeche Mode antworten können.
Ich glaube die Antwort auf die Frage, welches meine erste Platte war, habe ich bisher immer falsch beantwortet. Damit gehört diese Sache wohl zu einer der größten Lügen meines Lebens.

Kartonweise wandert meine Vergangenheit jetzt in die Gegenwart anderer Menschen. So zumindest ist meine romantische Vorstellung von Second- Hand.
Meine Dinge und ich gehen verschiedene Wege, ganz offiziell und in gegenseitigem Einvernehmen getrennt.
Davon ausgehend, dass Manitou keinen Einspruch erhebt.
An meinem Matratzenstapel- Kopfende tummelt sich derweil ein neuer – passiver– Begleiter:
Ein kanariengelbes Surfboard. Tauglich für hawaiianische Big- Wave- Tow- In- Zwecke. Was das bedeutet erkläre ich später.
Ein eBay- auf- die- schöne- gelbe- Farbe- reingefallen- Fehlkauf. Peinlich! Ich sag nur „farbkompatibles Snowboardgeraffel“ …..aber auch das kommt später…… Dennoch erinnert mich dieses sonnengelbe Dekoteil hier täglich und bis zur endgültigen Abreise daran, was ich mir ausgesucht habe…in Zukunft zu tun..
Bezeichnender Weise hängt das Bild mit der sehr dicken Welle und dem, der sich mit einem Jetski in diese Welle hineinziehen lassen hat : Tow- In ! genau daneben. Damit hat sich auch dieser Begriff erklärt und bedeutet in meinem Fall nichts anderes als: Ich besitze ein klitzekleines Wackelboard für Riesenwellen, in die ich mich hineinziehen lassen müsste, bin aber selber derzeit noch auf einem Riesenbrett in klitzekleinen Wackelwellen unterwegs aus denen ich eher herausgezogen werden muss.
Mit mir wird dieses Brett in keinem Fall –NIEMALS!! zu Wasser gehen. Ich werde es vor Ort eintauschen gegen eins, was nicht NUR gut aussieht- ich bin ein Mädchen!-, sondern das ich auch fahren kann ohne unter zugehen… denn: immer WICHTIG..man beachte auch den männlichen Aspekt: die technische Begebenheiten.

Seit 5 Monaten bin ich 33 Jahre alt. Mein „Aufbruch“ beginnt in 23 Tagen.

5 Antworten zu “Weisswasser, Wellenreiten und Wunderkinder - Kapitel 1”

  1. danni sagt:

    hi meine süße,habe gerade von meinem kind die erlaubniss in ruhe zu frühstücken und im internet rumzustöbern und habe deinen aussschnitt gelesen…kenne ja nun schon weisswasser und finde es immer noch gut. schön geschrieben. gut lesbar und du hast für diese schreiberei auf jeden fall talent und ich möchte dich auf diesen wege ermutigen mal an einen verlag zu gehen, statt in klamottenlädchen und flugfirmen deine zeit zu vergeuden;-)
    liebe grüße danni aus E-city

  2. Tine sagt:

    Hallo liebe Danni,
    danke für Dein Löbchen und die Ermunterung.
    Ich hoffe Weisswasser findet Freunde und Liebhaber meines langsatzigen Schreibstils und eines Tages sagt jemand- Jawoll, das nächste Wortgefecht verlegen wir.
    Ohne Träume, hat man kein Leben und ich gebe nicht auf, bevor mein Cover irgendwann mal in einem Buchladen in der Rubrik Humor steht ;) Gut, dass Du nicht schreibst, dass Surfschulen vergeudete Zeit bedeuten- Ich liebe meinen Job ;)
    Liebe Grüße auch an Deinen süßen unglaublich gelungenen Nchwuchs, den ich so gerne mal live sehen würde!

    Tine von F- Island

  3. Steffi sagt:

    Zu ga be
    Zu ga be
    bzw Bitte um Fortsetzung….!

  4. Tine sagt:

    Hallo liebe Steffi,

    schön von Dir zu hören! Ich hoffe, es geht Dir / Euch gut :) Am 30.05.2011 gehts an dieser Stelle weiter :) Bis dahin schicke ich Dir ganz viel Sonne und liebe Grüße

    Tine

  5. Die Altvordere sagt:

    Hallo liebe Tine,

    ich warte schon auf die versprochene Fortsetzung. Ganz prima.
    Grüße auch vom Häuptling.

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