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Weisswasser, Wellenreiten und Wunderkinder- Kapitel 10

19.10.2005, Tag 3
Nach einem schnellen Frühstück und einem Blick auf die Wasseroberfläche machen wir uns heute erneut unchristlich früh auf den Weg zum Strand.
Wo sollten wir auch sonst den Tag verbringen?
Ich habe DEN Megaultrasuperungesundsonnenbrand.

Unser Surfkurs startet heute um 10:00
Ich lerne, dass diese Tatsache etwas mit den Gezeiten zu tun hat und weniger mit den Schlafgewohnheiten der Surfcamp Bewohner.

Da wir noch im Weißwasser üben und es leichter ist bei seichtem Wasser ins Meer zu laufen- noch paddeln wir nicht hinter die Brandung- benötigen wir die Bedingungen einer leicht auflaufenden Ebbe.

Praktisch bedeutet dies:
Man kann noch gut knie- bis hüfttief stehen ohne wegzutreiben und mit kommender Flut werden uns die kräftigeren “Schubser” beschoren.
Außer uns ist noch niemand am Strand.
Für mich war, ist und wird diese Zeit des Tages immer die Schönste sein: Der frühe Morgen, das dunstige Licht des heran brechenden Tages, die sich langsam von der Sonne erwärmende Luft, die Vulkanfelsen, die zu dieser Tageszeit eine ganz besondere Farbe haben, das Meer und die einsame Stille.
Einsam bin ich aber erst einmal nicht, zumindest nicht heute.
Mittlerweile sind wir nur noch zu Viert im Anfängerkurs, der Rest unserer Camp- Mitbewohner/innen ist inzwischen in den Olymp der Fortgeschrittenen aufgestiegen.

Zu uns Vieren gesellen sich jeden Tag noch ein paar weitere Menschen- die ebenfalls zunächst verkehrt rum in Wetsuits steigen.
Surfausprobierer, Fototrophäensammler für die heimischen Schreibtische, in einer Woche- Windsurf- Surf- Golf- Quad- Kite und Alles- Ausprobierer.
Julio oder Fred, holen sie jeden Tag mit dem Bus des Camps ab.

Fred gibt theoretische Anweisungen. Ich bin aufgeregt.
Wie jeden surfenden Tag vor diesem Tag und jeden surfenden Tag nach diesem Tag.

Sind die Wellen gut, bin ich auch heute noch nervös wie ein Flitzebogen und renne zum Strand.

Dabei wünsche ich mir oft Flügel oder 2 Füße mehr, die mich noch schneller an mein Ziel bringen.
Meinen Puls sollte man zu dieser Zeit besser nicht messen.

Ich kann mich schlecht konzentrieren auf das was unser Surflehrer heute sagt und noch weniger auf das, was er eigentlich meint.
Dabei spüre schon wieder das Salzwasser durch meine Nasennebenhöhlen sausen, welches einem nach Stunden PLÖTZLICH und zu den denkbar unpassendsten Situationen wieder aus der Nase schiesst.

Ich musste natürlich sofort wissen, weshalb das so ist.
Einschlägige Surftheorie vermittelt weise:
Das Wasser wird mit Druck in die Nebenhöhlen gepresst, verbleibt dort eine Weile und kommt mit Vorliebe dann wieder zum Vorschein, wenn man nicht damit rechnet.
Das Nasenwasser gehört also zum Surfen, wie der Deckel auf den Topf.

Als wir endlich fertig sind mit dem notwendigen Dehnen, Strecken und Laufen hält mich nichts mehr. Ich laufe ins Wasser.

Leider bin ich extrem erkältet und fühle mich schon den ganzen Tag auch ohne Meerwasser- Dip wie ein nasser Sack.

Nach ein paar Versuchen gebe ich mich geschlagen.
Mit Hals- und Taschen- nehme ich nach nur einer kurzen Stunde wieder auf meinem angestammten Handtuch platz und versuche ein fröhliches Gesicht zu machen.

Wie gerne würde ich jetzt wellenreiten, denke ich.
Wie schön wärmt die Sonne, sage ich.
Wieso fühle ich mich so scheiße, muffle ich.

Ich wünsche mich zurück ins Wasser, die Zeit ist doch so begrenzt, der Urlaub fast schon vorüber….SEUFZ

Auch Anna hat heute nicht ihren besten Tag. So sitzen wir beide wie die Beachbunnys am Strand und sehen denen zu, die lernen, bereits können, oder sich ebenfalls temporär geschlagen geben.

Am frühen Abend eröffnet mir Anna, dass sie heute einen Fern- Studienkollegen im Nachbarort treffen möchte.
Wie das Wort “Fernstudium” allerdings bereits sagt, haben sich die beiden nie zuvor gesehen.
Also ein Blind- Date. Klingt ja erst einmal sehr aufregend.
Über einen notwendigen Emailaustausch in Sachen fachlicher Rat, haben sie lediglich bemerkt, dass er dort studiert, wo sie Urlaub macht.

Der Typ arbeitet in einer Clubanlage.
Ich hasse Clubanlagen, beschließe aber mitzukommen um mir den Bengel mal aus der Nähe anzusehen und wer weiß, vielleicht haben die dort ja ein anständiges Buffet.
Im Falle von gegenseitigen Sympathiebekundungen der beiden ziehe ich mich natürlich diskret zurück, gerne auch in die Nähe von hübsch drapierten Speisen.

Für diesen Fall, also damit mir dann nicht langweilig ist, nehmen wir noch Dada mit.
Ist eh lustiger zu dritt.
Als wir erneut im seelenlosen Nachbarort des Nachbarortes ankommen und nach drei Runden durch 4 Kreisverkehre endlich einen Parkplatz gefunden haben, sind wir alle und ungelogen ein bisschen gespannt.

Der Arme, - ich habe kurz Mitleid- muss sich bereits beim ersten Date drei Augenpaaren stellen.
Der bekommt gleich alles auf einmal, neues Gesicht plus zwei weitere und die dann auch noch skeptisch.
Ich überlege kurz ihm eins davon zu ersparen, da steht er auch schon vor mir.
Spontan denke ich an „I would do anything for love“, bzw den Sänger zu dem Song..

Als ein nordrheinwestfälischer Ruhrpottdialekt, sowie 2 weitere Freunde von ihm dazu kommen, klinke mich im Geiste bereits aus dem Geschehen aus.
Mein Mitleid verfliegt sogleich- Es steht unentschieden.

Von wegen nur Mädels treten in Gruppen auf?!
Gottseidank ist mir kalt und ich habe nichts weiter dabei, als ein dünnes Hemdchen.
Meine wahrheitsgetreue Ausrede- ich kann sehr dramatisch frösteln- lautet demnach: Ich M.U.S.S J.E.T.Z.T S.O.F.O.R.T durch den Ort laufen und nach einem S.E.H.R S.C.H.Ö.N.E.N, S.E.H.R D.I.C.K.E.N Pulli suchen.

Dass dies eine Weile dauert, versteht sich von selbst.
Auf Fuerteventura gibt es keine dicken Pullis.
Mein Gewissen sagt mir, dass ja auch noch Dada da ist und ich will schon frohen Mutes los stapfen, als ich sie hinter mir herlaufen höre.
2 Doofe, 1 Gedanke.
Anna bleibt allein mit dem „Watt“- und- „Datt“- Fleischklops und seinen fröhlichen zwei Kollegen.

Wir verabreden uns für später in einer Tapas Bar im Ort und ich bin unendlich dankbar, dass mein Desinteresse a) niemand bemerkt (das zeugt vom Selbstbewusstsein unseres Gegenübers) und b) scheinbar auch niemanden interessiert (das wiederum ist wohl gleichzusetzen mit Desinteresse).

Und so flanieren Dada und ich funktionell konsumorientiert durch die Gegend, wobei ich tatsächlich relativ schnell ein großartiges Schnäppchen mache. 5 € und ich friere nicht mehr.
Kein Pulli, aber Longsleeve mit Blumengirlande. Ha why?

Auf dem Weg zurück werden wir von einem kleinen spanischen Köter angefallen, der Dada in die Wade beisst, während ich fassungslos daneben stehe und nicht weiß, ob ich lachen oder kämpfen soll. Es ist Zeit Anna zu erlösen.

Die- ich kenne sie- ist hocherfreut uns zu sehen, lässt sich aber weiter nichts anmerken und unterhält sich wie gewohnt lässig mit der unerwarteten Menge von Gesprächspartnern.
Wenn sie keinen Bock hat, lässt sie zumindest nichts anmerken. Tapferes Mädchen.

Ich finde mich selber arrogant, bin genervt und würdige der laufenden Unterhaltung kein Ohr.
Das einzige was mein Interesse weckt, sind die unverschämt genial zubereiteten Salchichas (Würstchen) in Rotweinsauce, die ich noch Jahre später suchen und erst noch viel später wieder entdecken soll.
Höchstwahrscheinlich zählen die in diesem Moment zu den Bonuspunkten des gemeinsamen Abendessens und sind etwas, das man nur in Zusammenhang mit dem Trio bekommt.
Ich beschließe, dass ich in Zukunft auch ohne die Würstchen auskommen kann.

Meat Loaf und seine Band erzählen uns wie phantastisch das Clubleben ist und ich sehe mich schon gruppendynamisch Sangria wettsaufen, da ist der Abend auch schon fast wieder vorbei.

Gnädigerweise zeigen die drei uns dann noch ihren Lebensmittelpunkt.
Damit möchten sie uns- laut eigener Aussage- vor Augen führen, was wir alles verpassen.
Wir armen, schrecklich armen Camper.

Ich merke an——- und das für meine Art und Weise relativ zickig—– dass ich gar nichts verpasse und wünsche mich erneut in meinen Wüstenort und ins Camp der “normalen” Menschen.
Ich sehne mich nach Einfachheit und Bier, nach netten Jungs und nach Lagerfeuer und hartem Boden.
Als wir den Club betreten wird dieses Gefühl stärker.
Das Grauen der Uniformität schlägt mir entgegen.
Über dem Pool schwebt der schillernde Geist der Animation.

Fasziniert abgestoßen betrachte ich die akkurat nebeneinander stehenden Liegen und sehe mich in DEM Supergau meiner derzeitigen Urlaubswünsche am nächsten Morgen selbst dort liegen.
Zuvor animiert und klatschend um den Pool gelaufen, den ich bis zum Abend nicht mehr fähig bin vom Meer zu unterscheiden.

Wir suchen das Weite.
Meat Loaf und seine schaurige Residenz bleiben unser Gesprächsstoff bis nach in den nächsten Ort- eher Flecken- ( 5 Minuten Autofahrt entfernt), dann sind wir in Gedanken wieder bei den Dingen, die unser Leben bereichern.
Ich hoffe, dass ein paar unserer Mitbewohner noch wach sind und freue mich riesig darauf sie “endlich” wiederzusehen. Mein Gott wie ich habe ich die vermisst.
Als wir ankommen treffen wir auf Carla und Isadora, die sich weinselig und deshalb- wie sie selbst zugeben- angeregt auf Spanisch unterhalten.
Fred und Julio unsere Surflehrer sind auch noch unter den Lebenden, können aber nicht mehr sprechen.

Wir trinken noch einen Tee, bevor wir in unsere nicht in Reihe angeordneten Zelte kriechen.
Von unter der Plane höre ich Carla und Isadora noch bis in den frühen Morgen spanisch kichern.
In der Nacht regnet es.

Am nächsten Morgen bin ich schrecklich erleichtert, dass ich mir keine Liege am Pool sichern muss und steure zielsicher auf den Neoprenanzug und das Brett meiner Wahl zu.

Ich fühle mich noch immer ein bisschen krank, beschließe aber dennoch mich heute wieder zu Wasser zu lassen.
Carla ist verkatert, außerdem hängt ein Großteil ihrer Klamotten im Aufenthaltsraum von unserem Camp.
Scheinbar war ihr Zelt eines von denen, welches dem nächtlichen Regenguss nicht standgehalten hat.
Meine ausgeliehene Markenplane, die ich auch Jahre später noch besitzen soll und ihre wasserabstoßende Zuverlässigkeit, machen mich stolz.
Ich fühle mich wie ein Weltenbummler mit Qualitätsausrüstung.

Nach und nach stellen auch die umliegenden Nachbarn und Nachbarinnen fest, dass zumindest ein Teil ihres Hab und Gut’s nicht wirklich trocken geblieben ist.
Während wir uns strandfein machen hängt das ein oder andere TShirt, die ein oder andere Hose über dem Frühstückstisch.
Wer übrigens gedacht hat, auf den Kanaren regnet es nicht, der hat sich gründlich geirrt.
Es kann, es hat und es wird wieder. Immer wieder und es ist schön.

Heute ist der Kurs unser “Privatvergnügen”. Schon seit dem zweiten Tag warten wir nicht mehr auf den Bus der unser Brett zum Strand bringt. Auch heute wandern wir lange vor Beginn der Stunde über die Klippen an den Strand. Das Brett ist allerdings kein Gramm leichter geworden. Im Gegenteil, fast glaube ich, es wird mit jedem Tag ein bisschen schwerer.
Da wir nicht alleine sind, sondern immer mindestens zu zweit, wagen wir uns ohne Lehrer ins Wasser. Diesmal sind alle Camp Bewohner mitgekommen und auch am Strand ist bereits ein reges Leben im Gange.

Ich breite mein Handtuch neben Anna und Carla aus und will sofort ins Wasser.
Es ist Ebbe, das Meer für Fuerteventura’s Westküste relativ ruhig und ich bin motiviert und entspannt. Bis auf die obligatorische Vorfreudennervosität ist alles im grünen Bereich. Carla ist mit von der Partie. Zusammen klemmen wir jeder unser “eigenes” Brett unter den Arm und marschieren los.

Bisher habe ich es tatsächlich geschafft in kein Petermännchen zu treten.
Angeblich eine wahre Plage zu bestimmten Jahreszeiten und höchst unangenehm.
Petermännchen sind Fische, die sich in Strandnähe im Sand oder Schlamm einbuddeln, um dort Beute zu machen.
Dabei schauen ihre Flossenstacheln meist einige wenige Zentimeter aus dem Sediment.
Klar, dass gerade wir Weisswasserrutscher leichte Beute sind, immerhin laufen wir genau an den Stellen umher, wo die Jungs sich die Sonne auf den Stachel scheinen lassen.

Lange Rede, kurzer Sinn.. soll ja kein Biologiebuch werden, die Viecher sind giftig, nicht tödlich, zumindest aber mehr als unangenehm.
Manche Strandbesucher- auch solche, die nicht kiffen- haben immer ein Feuerzeug dabei, da man das Gift am besten durch Wärme unschädlich mache kann.
Um Missverständnissen vorzubeugen, es geht hier nicht um das Behandeln durch Stichflammen, sondern lediglich um eine Temperatur um die 50° Celsius.
Das bedeutet: Feuerzeug an, eine Weile brennen lassen und dann das erhitzte Metall auf die Einstichstelle legen.
Wie dem auch sei, ich bin niemals in die Verlegenheit einer Begegnung mit einem Petermännchen gekommen und wurde deswegen auch noch von keinem Feuerzeugbesitzer oder Kiffer notfallbehandelt.
Ich habe mit ganz anderen Dingen zu kämpfen, z.B. mit meinem Brett, dem Gleichgewicht und der Schwerkraft !- und mit meinem Kopfkino.

Lange Zeit funktioniert mal wieder rein gar nichts und ich fühle mich erneut wie am aller ersten Tag. Die Ausrede- obwohl ich eine verdammt gute habe- einer fiesen Erkältung und einer mittlerweile entzündeten Armbeuge, lasse ich für mich nicht gelten.

Aus den Augenwinkeln sehe ich Carla, die schon wieder erstaunlich fit daher kommt- und freue mich für ihre immer häufigeren Erfolge.

Als ich schon aufgeben will, habe ich es dann plötzlich geschafft.
Ich bringe mein Board in Position, lege mich ruhig und ausbalanciert auf den Bauch, werfe einen Blick nach hinten, sehe das Weißwasser auf mich zu rollen, paddle mit geschlossenen Beinen und der mir immer wieder eingeimpften Körperspannung und….STEHE AUF.. Ich stehe auf, ich stehe und ich fahre. ICH STEHE……

Ich fahre bis zum Strand – den ich mir in diesem Augenblich um 100km ins Landesinner versetzt wünsche- und kann mein Glück kaum fassen.

Was ist denn da soeben passiert ? Heidiwitzka…Hat das jemand gesehen, wenn ich das schon nicht mitbekommen habe??
Am Ufer sehe ich Anna, die mich photographiert hat. Dafür lade ich sie mindestens! zum Essen ein. Was das war’s? Ne, ich kann jetzt nicht aufhören.
Wieder und wieder probiere ich es und Mal um Mal funktioniert es.
Es ist wackelig, technisch extrem hässlich, aber es funktioniert. Ich fahre.

Am Nachmittag bin ich müde aber sehr glücklich. Ich schließe mich dem Kurs an, bleibe aber später noch mit den anderen am Strand.
Viele haben heute ebenfalls große Fortschritte gemacht.
Sofia ist mit lautem Freudengeheul ihre erste grüne Welle gefahren und auch Tobi und Stefan sind in den Genuss von ein paar wirklich schönen Wellen gekommen.

Alle sind zufrieden und sehr glücklich.
Natürlich würde ich gerne mitreden bei der Frage welcher Moment und welche Welle die schönste der letzten Tage gewesen ist.
Ich kann zu diesem Zeitpunkt zwar noch nichts über Wellen sagen, aber - dennoch- was der schönste Moment dieses Urlaubs für mich ist, weiß ich schon jetzt.

Am Abend, als die Sonne ihre wärmende Kraft bereits verloren hat, gehen Pascal- der heute frei hat- Franni und ich erneut ins Wasser.
Die Stimmung ist so friedlich wie am frühen Morgen, einzig die Sonne wird immer kleiner.
Der Abend ist so besonders und rosafarben, dass ich auch heute noch immer wieder an diesen Moment denken muss.
Ich genieße es durch diese farbig ziemlich kitschige Stimmung zu paddeln.
Ich fahre noch ein paar Mal, von denen ich nicht wirklich oft aufstehe, lasse aber alles so wie es ist auf mich wirken.

Als es kälter wird und die Sonne ganz verschwindet, fahre ich zum letzten Mal Richtung Strand.
Ich will gerade vom Brett absteigen, als ich abrutsche und daneben lande. Sofort ziehe ich meine Hände über den Kopf um mich vor der Riesenplanke in acht zu ducken.
Leider verharre ich einen Augenblick zu kurz in dieser Position.
Mein Brett ist noch in Bewegung und kollidiert mit meiner bereits stillstehenden Unterlippe.

Ich spucke aus und durch meine Hände läuft ein rotes Rinnsal.
Ich spüre, dass sich meine Lippe auf der Innenseite unangenehm unnatürlich anfühlt und frage Pascal- der neben mir aus dem Wasser läuft- ob er mich mal ansehen könnte.

Der schaut zunächst etwas irritiert.
Liegt wohl daran, dass er von meiner bescheuerten Unfall in Zeitlupe nichts mitbekommen hat.

Echte Surfer werden von weißen Haien attackiert und nicht von ihrem Brett am Strand erschlagen.

Vor allem will ich wissen, wie schlimm das Ganze wirklich ist und ob die Zähne noch alle drin sind.
Er sagt es sieht scheiße aus, ist aber anscheinend halb so wild.

Janna allerdings, die von ihrem Handtuch auf mich zu gerannt kommt, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und diagnostiziert eine sofortige “Not Operation” unter Vollnarkose.

So zumindest interpretiere ich ihre hysterische Panik meinen Zustand betreffend.
Ich werfe erneut einen Blick auf Pascal, der jedoch nur müde mit den Schultern zuckt.
Ich beschließe dem unaufgeregteren Part an diesem Strand zu vertrauen.

Irgendeine Wahl muss ich ja jetzt treffen und da ich keinen Bock auf Stress habe, entscheide ich mich für männliche Souveränität und gegen weibliche Hysterie, auch wenn sie es sicher nur gut meint. Wahrscheinlich kann sie kein Blut sehen.

Dennoch schauen mich auch die anderen etwas panisch an. Immerhin brauche ich dieses Mal nicht mein Brett nach oben tragen, das erledigen andere für mich und ich bin ihnen dankbar.

Im Camp angekommen schaue ich als erstes in einen Spiegel. Oweia, „scheiße“ ist noch stark untertrieben.
Ich sehe aus wie Dolly Buster und mittlerweile spreche ich auch so.
Das allerdings wegen meiner Erkältung. Meine ohnehin schon etwas dickere Unterlippe ist jetzt noch mal dicker.
Warum konnte es nicht die Oberlippe treffen, denke ich quengelig und oberflächlich auf meine Optik fixiert.

Da wir am Abend noch ausgehen wollen, muss ich mir bis dahin wohl etwas einfallen lassen.
Da Einfachste wäre jemanden zu bitten, ob er mir noch eine auf den anderen Teil der Lippe gibt.
Dann wäre ich wenigstens wieder gesichts- symmetrisch.

Ebenfalls Sorge bereitet mir die Aufnahme von Nahrung, die ich mir nicht ganz so einfach vorstelle.
Egal. Ich dusche erst mal, dann sehen wir weiter.
Die Nahrungsaufnahme sollte sich in der Tat als das blödeste Problem heraus stellen.
Mit einer Unterlippe wie Schlauchboot, ist es relativ schwierig den Mund einem Brötchen angemessen weit genug zu öffnen.
Aber auch an Käse, Gemüse und Obst ist dieses Vorhaben gescheitert.
Mit großem Hunger, kleine Häppchen zu kauen ist auch kein Vergnügen.
Zumal dann nicht, wenn man ansonsten immer die erste ist, deren Teller leer ist.

Ich warne an dieser Stelle vehement vor dem Aufspritzen der Lippe.
Geraten sei es nur denen, die eine Diät machen wollen. Scheiße tut das weh.

Ich beschließe es mit Humor zu nehmen, packe mir zu meiner Bierdose noch einen Satz Strohhalme und verlasse- von den Spuren meines ersten Surfunfalles gezeichnet- das Camp, um in eine lange Nacht zu tanzen.

OKTOBER 2005

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