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Weisswasser, Wellenreiten und Wunderkinder- Kapitel 2

Hallo Leute,

es ist doch kaum zu glauben, schon wieder sind 2 Wochen ins Land gegangen.
Weiter geht’s
Die nächste Ausgabe gibt es am 30.05.2011
Jetzt aber erst einmal weiter im Text:
………..

Am 19.09.2006 habe ich mir ein besonderes Geschenk gemacht.
Ach so ich sollte wohl erwähnen, dass der 19. September mein Geburtstag ist.
Ich möchte endlich dort leben, wo der Finnenschlüssel an meinen Schlüsselbund gehört !
Den Kellerschlüssel für meinen verschimmelten Fahrradkeller, indem nach nur 1 Woche Fahhradfahrpause sogar der Sattel Grünspan angesetzt hat, sollte in Zukunft besser jemand besitzen, der kein Fahrrad fährt.

Für mich war die Sache mit dem Finnenschlüssel ein – wie der Name schon sagt- SCHLÜSSELmoment- ein Symbol für den Alltag, den ich leben möchte.
Den Alltag am Meer und bei den Wellen.
Die seit Jahren angedachte und eigentlich als so „besonders“ von mir vorgesehene Party- immerhin wurde ich 33 und hatte schon die 30 nicht gefeiert- habe ich in den Wind geschossen, bevor überhaupt jemand das Wort “Schnittchen” hätte auch nur denken können.
Von wegen Überraschung und so.
Das ist im übrigen auch so eine Sache. In meinem Leben gab es noch nie eine Überraschungsparty.
Damit zieht dieser Umstand in etwa gleich mit dem, dass mir wie eingangs erwähnt bisher niemals jemand zum Flughafen hinterher gerannt ist, um mich aufzuhalten- weder schlecht frisiert, noch gut zu Fuß.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass solche Aktionen außerhalb von Hollywood nicht existieren.
Diese NICHT- „Feier“ wäre nun die zweite in meinem Leben gewesen, anlässlich meines Geburtstages.

Die erste gab es wirklich und war eine Teenagerparty mit Chips, Keksen, Nudelsalat, Frikadellen und ziemlich vielen Leuten, die ich NICHT kannte, da diese sich selbst eingeladen hatten.

Ein zweites Kennenlernen wildfremder Menschen auf meiner eigenen Party wollte ich mir ersparen.
Noch ein Argument gegen das Feiern. In Wirklichkeit hatte ich allerdings einfach kein Geld.
Selbiges steckte gedanklich bereits in einem fahrbaren Untersatz, dem Flug inklusive Kerosinzuschlag und einer gewissen ersten Notfalleinrichtung für den Ort, der zukünftig mein Zuhause sein sollte.

Das Hochgefühl des Momentes, als ich meiner Personalchefin mitgeteilt habe, dass ich demnächst am Meer leben, jeden Tag mit den Wellen aufstehen und mit Sternen- die einem fast auf den Kopf fallen- einschlafen möchte, hat mich für alle Zeit und jede Party- Frikadelle entschädigt.

Das Datum auf dem Kündigungsschreiben trägt exakt meinen dreiunddreißigsten Geburtstag und wird mich für immer daran erinnern, dass ich an einem ganz besonderen Tag beschlossen habe, in mein Leben eine kleine, aber sehr wichtige Kehrtwende einzubauen.

Dass nicht jeder Verständnis für eine derartige Kurve im Lebenslauf aufbringen kann, ist mir bereits bei Übergabe meiner Kündigung entgegen geweht: „ Tine, hast du dir DAS auch gut überlegt ? Ein „sicheres deutsches Arbeitsverhältnis“ einfach so aufgeben? im Wechsel mit „ Das würde ich mich nie trauen“ , „ Was zur Hölle soll nur aus dir werden?“ und „ Ich könnt’ das nich’“….
Jemand der alle Tassen im Schrank hat, träumt nicht vom Surfen, sondern von schwarzen Zahlen und einer gesicherten Rente. Mit 33, so eine Aktion??…Hmmm…

Surfen hängt mittlerweile einem gewissen Hipnessfaktor an. In irgendeiner Frauenzeitschrift entdeckte ich kürzlich neben den Kosmetiktipps ein Gucci- Surfboard ??!!- sowie Bilder von hübschen Menschen, die mit ihrem Surfboard unter der Dusche stehen?? !! ( Letzteres verstehe ich nicht, werde aber mal probieren, ob das nicht doch irgendwie cool aussieht)

Viele bringen Surfen mit Drogen, blonden Haaren und einem allzu lässigem Lebensstil in Verbindung. Manche auch mit Filmstars und Hibiskusblüten.
Wenn Drogen die Wellen sind, mir meine Haarfarbe nicht ausgeht und es lässig ist, jeden Morgen vor der Arbeit mit einem Brett unter dem Arm zum Strand zu laufen, dann stimmt diese These.

Ich habe schon glückliche Menschen getroffen, denen das Meer, ihr fahrbarer Untersatz, ihre Freunde und ein Hund genügt haben. Aber auch diese Menschen brauchen neben einer anständigen Welle ihre geregelten Mahlzeiten. Man glaubt es kaum, ja hört alle gut zu. Auch ein Hippie muss sich seine Brötchen verdienen.

Und ich? Hatte ich Torschlusspanik? Klares: Nein. In meinem Leben gab es einfach diesen Entschluss, die Lust auf ein paar schöne Wellen, auf das Meer, die Sonne, eine andere Art zu denken, den Wind um die Nase, den Himmel im Auge und darauf ein Mensch zu sein- nicht so zu sein, wie man von allen gewollt wird, sondern so zu wollen wie man selber sein möchte..

Und die Panik mit dem Tor, die ich mir im übrigen erst ergooglen musste, um dieses Sprichwort wirklich richtig zu verstehen, würde mich mit 33 Jahren wohl eher in eine Ehe treiben, als auf ein Surfboard. Außerdem, wo steht geschrieben, was richtig und was falsch ist ? Wer entscheidet über mein Leben, wenn nicht ich selbst ? Tore gehen für mich in jedem Fall erst mal nicht zu, im Gegenteil ich sorge dafür, dass sich ein paar neue öffnen.
Ich packe mein Herz und das Kind in mir in einen Koffer und lasse beide an dem Ort wieder heraus, an den sie gehören.
Seit dem 19.September 2006 war ich entspannt und zufrieden, wie nie zuvor.

Bei den Gesprächen mit Freunden, meiner Familie und meinen Kollegen habe ich vor allem gelernt, wie unterschiedlich Menschen ihr persönliches Glück oder einen Zukunftsgedanken definieren.
Der eine liebt sein Reihenhaus, der andere verflucht seine Pflichten und wieder ein anderer kann sich nicht vorstellen der Stadt in der er aufgewachsen ist jemals den Rücken zu kehren.

Es gab Neid, Bewunderung und Ablehnung. Ich habe gelernt alle diese Meinungen zu respektieren und bewundere jeden, der auf irgendeine Art und Weise seine Zufriedenheit gefunden hat.
Ob ich sie jemals finden werde und wo genau das sein wird, weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht, aber eines Tages komme sicher auch ich irgendwo an.

So stehe ich nun, 33 jährig, sehr verständnisvoll, bald ohne Job, bereits ohne eigene Wohnung, ganz am Anfang einer Reise auf eine europäische Insel, die geographisch bereits zu Afrika gehört - Fuerteventura.
1722 km², 15 Regentage im Jahr, eine Durchschnittstemperatur von 20 Grad Celsius, rund 70000 Einwohner, Tendenz steigend.

Der Ort an dem ich zum ersten Mal auf einem Surfboard gestanden bin und der mich mit seiner kargen Schönheit immer wieder fasziniert hat, wann immer ich dort gewesen bin.

Sicher gibt es spannendere Ziele, Orte die größere Abenteuer verheißen, an denen mehr Palmen wachsen, weniger Deutsch gesprochen wird, die fremder sind und die noch mehr nach Freiheit klingen.

An denen man zwar mehr Menschen mit Surfboards findet, aber keine Tomate die besser schmeckt.

Manchmal war ich in Versuchung mich zu rechtfertigen, als flöge ich nach Mallorca zum Sangriawettsaufen, als müsse ich als „echte Surferin“ mindestens nach Downunder in die Nähe von Hai und Känguru.

Ich hatte mich für Fuerteventura entschieden: Klein- Germany im Süden, Little England im Norden, keine bösen Meeresbewohner, die einem das Leben schwer machen- zumindest bin ich nie welchen begegnet- keine fiesen Tropenkrankheiten und klimatisch auf der Hitliste der Lungenliga ganz weit vorne.

Hier fühle ich mich wohl. zwischen dem Gegensatz karger, sandfarbener und nachtschwarzer Vulkanfelsen und dem blauegrünweiten Ozean.
An dem Ort, an dem immer alles wieder gut wird für mich, einem Ort der farbigen Minimalkontraste und dem weitesten Sternhimmel, den ich kenne.

Fuerteventura ist meine “weiße Wand”, meine Gardine ohne Schnörkel, mein kleiner, ungeschliffener Stein. Und so ist dieses palmenlose, sandfarbene Eiland der Inbegriff von Allem für mich geworden.
Wo NICHTS ablenkt ist eben Raum für ALLES.

ALLESUNDNICHTS

ALLESUNDNICHTS

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5 Antworten zu “Weisswasser, Wellenreiten und Wunderkinder- Kapitel 2”

  1. Stefan Link sagt:

    Sehr schön. Danke.

    P.S: Warum nicht wöchentlich? Oder täglich? ;-)
    Naja, ich freu mich auf die weiteren Teile.

    Schönen Gruß, Stefan

  2. Tine sagt:

    Danke Stefan :)
    Ich freue mich, wenn Dir meine Gedankengänge und Sinneswandlungen gefallen.
    Täglich wäre sehr abendfüllend, wöchentlich würde mein Pulver zu schnell verschiessen.
    Ich hoffe, Du hast etwas Geduld- der ganze Klimbim umfasst immerhin knapp 100 DIN A4 Seiten…

    Viele liebe Grüße von der Insel und bis ganz bald

    Tine

  3. Stefan sagt:

    100 Seiten sind natürlich ne Menge, das reicht für ne Weile…
    Stellst Du die ungekürzt rein? Wäre schön.

    Bis bald,

    Stefan

  4. Die Altvordere sagt:

    Hallo Tine,

    mach weiter so!!
    Indianer und Häuptoling aus dem grauen Belin

  5. pia sagt:

    <3 it! vielen dank für die zeilen!!!!

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