Blue Tomato Shop

Weisswasser, Wellenreiten und Wunderkinder- Kapitel 5

Der Tag drauf beginnt mit einem Gesichtsmuskelkater und einer Visite durch den schönen Doc.
Zu diesem Zweck tausche ich schnell mein profanes Mütterchen- Kreuzworträtsel durch die etwas intellektueller wirkende National Geographic.
Ich bin bestens gelaunt und schwesterngestärkt soll es gleich nach der Visite auf den ersten Hindernisparcours gehen. Raus aus dem Bett- Frühmobilisation nennen die das. Ich bin bereit. Irgendein fieser Schlauch wird noch entfernt.. dann geht’s los.
Ich bin fast wieder im Bad der grüngrausigen Kacheln, da liege ich auch schon wieder im Bett.
Holla soviel Kraft hätte ich der Schwester gar nicht zugetraut.
Was oder wer war das ? Wonderwomen? ein Schwerkraftumkehrer?
Egal wer oder was es war, die Idee der Schwester war wohl nicht die schlechteste.
Ich jappse kurzatmig und hechle wie ein Sprinter.
Hätte mehr frühstücken oder weniger Drogen konsumieren sollen oder beides.
Jetzt liege ich da wie ein Käfer auf dem Rücken. Na, toll- so habe ich mir den „ Morgen danach“ nicht vorgestellt.
Von links wird mir eine Sauerstofflasche ins Bild gereicht …Warum das jetzt?! und eh ich mich versehe, steht die ganze Morgens- Mittags- Abends- Visite- Combo um mich rum.
Folgende Gedanken gehen durch meinen frühmobilisierten Kopf:

Erstens.) Wo kommen die alle her ? und Zweitens.) Gibt es in diesem Krankenhaus irgendwelche geheimen Gänge, durch die man wie Hase & Igel von A nach B rasen kann ? Zusatzfrage.) Ist auf irgendeiner Station dieses Krankenhauses in diesem Moment noch einen Arzt oder stehen die jetzt alle bei MIR rum ? Ich frage mich noch ein bisschen weiter was los ist, was die alle haben und vor allem von mir wollen, als mich Doc Tausendschön und seine blonde Superschwester in extremer Beschleunigung den Gang hinunter schieben, den ich eigentlich laufen (s)wollte.
Krankenhausbetten kommen nach einem gewissen Drehmoment erstaunlich gut auf Touren.
Wenn die loslassen, fliege ich geradewegs durch das nächste Fenster und auf den Reichstag zu.
Ich muss grinsen.
Das ist jetzt wirklich mal dramatisch. Ich starre auf den Kittel vom Doc. Sein Namensschildchen verrät mir, dass der doch tatsächlich genauso heißt, wie der aus der Werbung.
Von wegen Kittel noch zu retten und so. Wird nur anders geschrieben.
Wegen der Hektik um meine Person und aus allgemeinem Interesse erlaube ich mir vorsichtig zu fragen, was denn wohl so los sei ?
Ein bisschen Neugier muss erlaubt sein, bei dem Tempo und der Sauerstofflasche in der Hand!
Schwester- Sehr- Besorgt- Sandy sagt was von Lungenembolie und Dr. Kittelwiederheil verweist schwer ernst auf den nächsten Programmpunkt.

EKG und Doppler, dies, das und jenes…klingt wie ein Zirkeltraining. Wie immer beim Arzt und trotz großen Latinums versteh ich nur die Hälfte, hätte heute aber sicher eh nichts besseres vorgehabt.
Schwester und Doc betrachten mich abwechselnd wie jemand der gerade aus einem Bergmassiv gerettet wurde indem er tagelang verschüttet war. Mein Herz rast. Langsam bekomme ich wieder Luft. Das ist sicher nicht optimal, wird sich aber hoffentlich bald aufklären. Ich fühle mich für die Animation der beiden zuständig, die immer noch um mich rumstehen und mich anstarren, als würde ich in den nächsten 5 Minuten ein Alien zur Welt bringen.
Ich denke an den Anruf und fühle mich plötzlich sehr einsam. Mist. Jetzt bloß nicht heulen.
Ich entscheide mich dagegen und stattdessen dafür das anwesende Pflegepersonal weiter zu belustigen.
Nach einer endlos langen Warterei auf den scheußlichen schönen Fluren des Krankenhauses, zig „Toilettengängen“ via Bettpfanne - super Sache, so mitten in einem Raum von Leuten im Liegen in eine Schüssel zu pinkeln- und diversen Untersuchungen ist klar.
Lungenembolie und Rechtsherzinsuffizienz. Allerdings ist mir an dieser Stelle noch nicht klar, was genau die mir damit sagen wollen.

Dance the Pillbox

Dance the Pillbox


Das letzte Mal, als ich im Lateinischen versagt habe, bin ich nach dem Begriff „Fraktur“ erleichtert vom Behandlungsstuhl gehüpft- Fraktur klingt schließlich auch wie Bravour. Und genauso war’s: “Bravo”, ich durfte die ganzen Sommerferien mit einem eingegipsten Fuß verbringen.
Langsam registriere ich, was ich da gerade überlebe und mir bleibt der nächste Scherz im Hals stecken. Ein paar Minuten später steckt dort auch noch ein Schlauch. Ich werde auf die Intensivstation verlegt.
Ein paar sehr unangenehme Kabel, Apparate und Bettnachbarn später, komme ich dazu die grüne Combo- bestehend aus zwei Pflegern und einer Pflegerin- näher kennen zu lernen. Wahrscheinlich sind sie froh, dass hier mal ein Patient ansprechbar ist. Irgendjemand vergleicht mich mit einer Figur aus einer TV Sendung. Ich hoffe, dass es nicht Mutter Beimer ist und starre weiter an die Decke.
Kein Telephon, kein Buch, kein vertrauter Mensch.
Mein Bett steht ganz in der Ecke am Fenster. Da die Station allerdings im Keller ist, nutzt mir das hier unten wenig. Ein paar Grünpflanzen kann ich so grad noch ausmachen. Wahrscheinlich Nachtschattengewächse.
Meine Eltern sind die ersten, die zur Tür hereinkommen. Mit ihnen auch ein paar Dinge aus meinem eigentlichen Krankenzimmer und eine Portion von der Wärme, die ich jetzt brauche. Es folgen Blumen, von denen ich immer dachte, die sind hier verboten, ein Hörbuch, welches ich niemals zu Ende gehört habe, weil ich im Folgenden immer eingeschlafen bin, eine sehr besorgte Freundin, der ich wahnsinnig danke, dass sie jetzt da ist und ein tägliches, kleines Belustigungsprogramm durch die hier unten auch wieder grünlich gekleideten Pfleger.
Grün und OP hat übrigens irgendwas mit dem blutrot -grün Kontrast zu tun, sagt meine National Geographic oder Peter Lustig oder wer auch immer.
Bei rot-grün denke ich immer an Hugo Egon Balder und Tutti Frutti in 3D.
Warum Intensivstationen im Keller sind, sagt meine Zeitschrift mir allerdings nicht.
In Krankenhäusern sind ja noch ganz andere Dinge im Keller….?! Na ja möglicherweise liegt es an der
Zufahrt von wegen ebenerdig und so.
Inzwischen finde ich auch bereits alles wieder lustig.
Liegt wahrscheinlich erneut an irgendwelchen semilegalen Drogen.
Soll mir recht sein. Wie oft ich das bereits angesprochene Hörbuch von vorne höre, weiß ich nicht mehr. Den Anfang kann ich in jedem Fall bereits auswendig, das Ende hingegen habe ich noch nie gehört.
Nach ein paar Tagen werde ich wieder in die weiße Zone verlegt.
Ich kann Grün auch nicht mehr sehen.
Mittlerweile ist mir Doktor Kittelheil richtig ans Herz gewachsen und ich weiß inzwischen, dass ich sein erster BV gewesen bin (Bandscheiben Vorfall). Arzt im Praktikum, da ist jedes erste Mal spannend.
Er sieht mich wohl als Studienvorführobjekt und ich mich schon an sämtlichen Vorlesungen als „DEN B.V.“ teilnehmen. Kategorie „überlebt“ Unterkategorie „Schwein gehabt“
Aus diesem Grund muss er sich ab jetzt auch mehrmals täglich nach mir erkundigen.
Prima. Ist mir sehr recht. Trotzdem fehlt mir ein Mensch ganz besonders. Einer, der nur für mich da ist. Den gibt es aber nicht und den, den ich dafür gehalten habe, der ist es auch nicht. Wir haben noch ein paar Mal telefoniert, aber es war nicht mehr das Gleiche. Irgendetwas ist passiert.
Vielleicht bin ich in diesen Momenten allzu menschlich geworden, in meinem grünen Bett mit dem schönen Kellerblick.
Vielleicht haben mir aber auch bloß die komischen Pillen hier endlich den Kopf grade gerückt.
Und dann ist schlussendlich auch noch der Tag gekommen, an dem ich mein Krankenzimmer und den ganzen grün weißen Palast endlich verlassen darf.
Natürlich nicht ohne dem Retter vom Fleckensalzdepartment eine Nachricht zukommen zu lassen. Ein Date muss drin sein. Für Retter und Gerettete.

Weiter geht’s Zu Haus’ .Ich wanke noch ein bisschen durch die Gegend und verfluche täglich das 5 Etagen –110 Stufen—Bauch- Beine- Po- Programm in meine dem- Himmel- so- nah- aber- ohne- Aufzug- weil- 100- Jahre- alt Wohnung. Überdies darf ich mir jeden Tag drei Spritzen in den Bauch pieken -toll sieht super aus, fast glaube ich, die blauen Flecken gehen niemals wieder weg- und langweile mich so durch die Wochen.
Nebenbei mache ich mir keine Freunde, weil ich die, die ich habe darum bitte, mich in Ruhe zu lassen. Ich möchte nicht, dass jemand sieht wie unmenschlich menschlich ich gerade bin. Und die blauen Flecken am Bauch gehen auch keinen was an. Ich bin selbst mitleidig, fühle mich alleine und verfluche gleichzeitig alles, was um mich herum passiert. Angst ist auch dabei. Verdammt sogar sehr.
Zum ersten Mal in meinem Leben komme ich mir nicht mehr so unsterblich vor, wie man sich mit Anfang 30 fühlen sollte..
Ein bisschen wie auf einem anderen Planeten ausgesetzt.
Ich bin wütend. Dieser Planet gefällt mir ganz und gar nicht und weil ich gerade so sauer bin, stelle ich mir lauter Fragen- allesamt etwas schizophrener Natur: Warum bin ich alleine in dieser Scheißwohnung im hundert tausendsten Stock und was wird weiter? Was ist mit meinen Träumen und was zur Hölle wird aus meinen Plänen vom Surfen und Snowboarden? Da ich mich für mindestens hyperaktiv halte, kann ich mir kaum vorstellen in Zukunft zu puzzeln oder auf Hausarbeitsseminare zu gehen.
Bis zur endgültigen Diagnose vergehen weitere 6 Wochen, in denen ich diesen Fragenkatalog ins unendlich Depressive ausgedehnt habe. Zu allem Überfluss fallen mir mehr als genug Haare aus, ich muss jede Woche zur Blutkontrolle und meine Haut sieht aus, wie die eines Teenagers mitten in der Pubertät.
Das ist wirklich kein schöner Planet. In gefühlten unendlichen Stunden motiviere ich mich und ziehe - das Gehirn zum Ausstoß von Glückshormonen animierend- die Mundwinkel nach oben. Ich habe mal gelesen, dass das hilft. Man grinst einfach blöde vor sich hin und schon kommen irgendwelche Hormone auf Touren, die denken, alles sei richtig super. Es hilft schon, manchmal.
Ansonsten sitze ich ein ums andere mal vor dem Spiegel und beobachte argwöhnisch meinen fortschreitenden „Verfall“. Ich bilde mir ein, ich müsste mich nur richtig ernähren und werde Stammkundin im Bio- Kaufhaus, Berlins größtem Alternativkonsumtempel. Dort kaufe ich ab jetzt so sinnvolle Dinge wie Haut- und Haar- Aufbaukuren für 150€ , säckeweise Möhren (die sind gut für die Haut), Phytohormone, Sojakekse und das alles möglichst fett- und freudlos.
Bei einem Blick auf das Klientel solcher Geschäfte frage ich mich immer, ob BIO wirklich so gesund ist ?! Denn, sein wir doch mal ehrlich, wem ist dort nicht schon mal die blasse Mutter mit den Schnittlauchhaaren und ihrem freudlosen noch blasseren Kind entgegen gekommen? Puffreis knabbernd.
Ein Attribut was beide und fast alle anderen Kunden dort auszeichnet ist außerdem ein fehlendes Fettpolster und mangelndes Reaktionsvermögen. Selbiges kann man besonders gut an den Echtholzkassen aus schnell nachwachsenden Rohstoffen beobachten. Neben all der positiven Aspekte, ist mir BIO also auch immer etwas unheimlich.
Zwei Monate später habe ich meine Ernährung umgestellt. Ich habe mich wieder vor die Tür getraut und an meinem ersten Arbeitstag bekomme ich Heimweh, weil ich soweit von meinem Zuhause entfernt bin, wie schon lange nicht mehr.
Meine Haare haben ihre Scheidungsabsicht zurückgezogen und ich schaffe es sogar beim Ausgehen - das kann ich nämlich auch bereits wieder und ich muss es auch, wenn mir nicht alle Decken der Welt auf den Kopf fallen sollen-4 Liter Wasser in mich reinzukippen. An einem einzigen Abend wohlgemerkt. Kompensation zum fehlenden Alkohol auf meinem Speiseplan. Wenn ich mal ganz crazy sein will, trinke ich ein alkoholfreies Bier, womit man in einem Szeneladen in Berlin aber nicht wirklich ernst genommen wird, es sei denn man kommt Barfuss und hat Blumen im Haar..

Meine Arbeitskollegen haben mich gefeiert wie die Überlebende eines Raketenabsturzes und ganz ganz langsam fliegt mein Raumschiff wieder zur Erde. Das Leben ist jetzt anders, aber nicht schlechter.
Rückenschmerzen und eine daraus resultierende OP, die mir das Leben gerettet hat. Neben all der Vergänglichkeit empfindet man in solchen Situationen auch große Dankbarkeit. Dass ich mit gerinnungshemmenden Medikamenten besser nicht vor ein Auto laufen sollte, kann ich gerade noch verschmerzen. Das Resultat wäre wohl, dass ich aussähe, wie das Opfer eines drittklassigen Horrorfilms.

Doc Blauodergraukittelheil geht einmal mit mir aus, dann trennen sich unsere Wege.
Auch wir sind nicht kompatibel.
To be continued…

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Eine Antwort zu “Weisswasser, Wellenreiten und Wunderkinder- Kapitel 5”

  1. stiller leser sagt:

    update!?

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