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Weisswasser, Wellenreiten und Wunderkinder- Kapitel 7

Ich bin bereit- Die Snowboardkurs- Nummer, der Ritt in der Gruppe, das gemeinsame auf den Hintern setzen muss bis morgen warten.
Ich probier heute schonmal wie sich das an fühlt, so allein im Schnee.
Risikolos unbeobachtet fühle ich mich zwar nicht- so ganz in ROT….Ich werde wohl die lauteste Komposition auf dem angorakaninchenweißen Hügel abgeben- aber ich muss da J.E.T.Z.T runter.
Ich puzzle mich auf mein Bügelbrett, stehe vorsichtig auf und fühle mich ein bisschen unverwundbar.
Diese arrogante Einstellung soll mich noch eines besseren belehren. Viele Male.
Und was soll ich sagen ? Am ersten Tag habe ich mehr gesessen, als gestanden.
Einziger Unterschied: Ich war alleine dabei.
Ich habe Purzelbäume geschlagen, Bauchklatscher, Rutschpartien und Verrenkungen gemacht, die Welt aus Perspektiven betrachtet, aus der ich sie noch nie betrachtet habe, aber ich bin auch das ein oder andere Mal kürzer oder länger für einen gefühlten überwältigen Augenblick einfach gefahren.
Leider oder gottseidank gehöre ich zu den Menschen, die schnell ein gewisses „Fieber“ packt für die Dinge die einmal halbwegs funktionieren oder sogar Spaß machen. Ich sag nur Krankenhausdrogen.
Und so bin ich an diesem ersten Tag bestimmt hundertmal den Berg rauf gelaufen und wieder runter gefallen, ohne Pause, wie ein Duracellhäschen, vollkommen beschwippsdudelt von dem ganzen Weiß um mich herum.
Der Nachteil meines Outfits hat mich bereits nach einer Stunde und fünf „Bergbesteigungen“ eingeholt.
Ich schwitze wie eine Bekloppte.
Wäre es nicht offensichtlich Winter, ich würde meine atmungspassive rote Haut von mir werfen.
Am Abend stelle ich fest, dass sich das Innenrot der Jacke in Form von Rosa über meine weiße Skiunterwäsche - nur geliehen, peinlich- ausgebreitet hat.
An den folgenden Tagen belege ich einen Kurs. Ich habe jetzt das dringende Bedürfnis nach Applaus oder wenigstens Mitleidern. Der Haufen ist nett und lustig, mein Board scheinbar auch.
Zudem weiß ich jetzt, weshalb ich gestern bereits wie eine Rakete ins Tal geschossen bin.
Ich bin Besitzerin eines R.A.C.E.Boards. Cool, Fehlkäufe machen Spaß.
Blöd nur, dass ich das was ich eigentlich lernen sollte mit dem unflexibelsten aller Bretter- wie man mir attestiert- niemals hin bekommen werde: Schwünge.
Zusammen mit Tom, meinem motivierten Lehrer, entschließe ich mich das verlockende Angebot anzunehmen, in den nächsten Tagen sein wesentlich flexibleres Board zu fahren.
Sieht auch besser aus.
Erstaunt „lerne“ ich was Backside und Frontside Turns sind ( schlaue Begriffe aus dem Boardsport und vergleichbar mit „vornerum und hintenrum, genauer Vorderkante, Hinterkante) und rutschefahre ein ums andere Mal sehr fröhlich ins Tal des Übungshügels. Dass das ganze bisher alles andere als einen geschmeidigen Schwung- von einem „Turn“ erst gar nicht zu sprechen, ergibt, versteht sich von selbst, aber der aufs Motivieren geschulte Tom oder Tim bescheinigt mir Talent- zumindest für Geschwindigkeit- und ich hab jetzt Bock das zu glauben.
Immer wenn ich den Kopf einschalte, komme ich jedoch nicht unten an.
Ein Gedanke zu viel und ich presche bäuchlings über die Piste.
Und man kann sich viele Gedanken beim Snowboarden machen: „Was esse ich zu Abend ?“ „ Ob das ein Schneehase ist?“, „ Muss ich nach links, nach rechts Ahhrrg ?“, „Schön, meine Jacke“, „ und was ist, wenn ich jetzt bei Tempo 10 umfalle? „…und so weiter
Denken macht das Leben auf Brettern nicht unbedingt leichter. Kurz wünsche ich mich in meine Scheiß- Egal -Medikation von vor 5 Monaten zurück.
Ich schiebe meine Gedanken und Bedenken auf meinen immer noch nicht ganz schmerzfreien Rücken und glaube einfach weiter an mich und den Erfolg der Sache.
Als sehr erleichternd- gestern bin ich noch gelaufen- aber auch amüsant empfinde ich meine ersten Fahrten mit dem Schlepplift. Gottseidank ist das Skigebiet wenig überfüllt und als Alibifunktion habe ich einen Lehrer und eine Gruppe weiterer“ „ Greenhorn- Schlepper“ im Anhang. Am Ende des ersten halben Tages, weiss ich weshalb es Schlepp- und nicht Komfortlift heißt und bin ich großer Fan vom Oben- ankommen.
Heimlich lasse ich den Lift ein paar Mal aus und laufe.
Den „Profihügel“ am nächsten Tag sollte ich nicht mehr mitbekommen.
Der rote „Regenmantel“ hat mir eine saftige Erkältung, nebst Fieber und Hustenschnupfendasganzeprogramm verpasst. Nach dieser Woche weiß ich nicht nur, dass rote Polyesterdaunenjacken zwar günstig, aber beim Sport ungeeignet sind, sondern auch dass es für mich auf Boards weitergehen muss.
Zudem hat mich der Winter nun auch noch in seinen Klauen. Ich habe es tatsächlich geschafft, mich in Minusgraden zu entspannen und mich dabei auch noch wohl zu fühlen.
Na ja, so wirklich im negativen Celsiusbereich habe ich ja nicht gelebt. Es war immerhin so warm, dass ganze Farben ineinander laufen konnten.
Und so endet das Abenteuer Berg vorerst. Nach 5 Tagen geht es heimwärts und geradewegs auf dem gelben Schein ins Bett.

Oktober 2005 Der Ozean.

15.10.2007, am Nachmittag

Wieder Anna und ich, diesmal: Wasser in meiner bevorzugten Form: beweglich, blau, bezaubernd…Und wieder mal stehen wir am Flughafen.
Die Zeit ist gekommen. Ich werde surfen lernen.
Es geht erneut in den Süden, diesmal allerdings nicht von Deutschland. Nein, es geht noch viel weiter Richtung Süden: nach Fuerteventura. Im Internet habe ich ein Surfcamp ausfindig gemacht, was in unser krachenges finanzielles Budget passt und einen Ort gefunden, der um diese Jahreszeit noch ein paar Sonnenstunden bietet. Zudem erhalten wir Mädels bei diesem Camp auch noch einen Spezialmädelspreis. Mein finanzieller Rahmen ist noch immer nicht größer geworden. „Ich bin so froh, dass ich ein Mädchen bin
Ich weiß, wir werden um den Neoprenanzug nicht drum herum kommen, rede mir aber ein, dass warme Lufttemperaturen alles andere wettmachen können. An diesem Samstag sind wir entschlossen. Nach einem „anstrengenden“ Kurzurlaub auf Ibiza, meinem letzten hoffnungsvollen Trip in Sachen Zwischenmenschlichkeit, den ich jetzt einfach mal vergesse, weil Zwischenmenschlichkeit für mich momentan scheinbar nicht vorgesehen ist- werde ich nun von vorne beginnen und etwas sinnvolles tun. Denn sein wir mal ehrlich, was ist sinnloser, als an einem Strand zu liegen, der keine Wellen hat, einen Kerl zu mögen, der sich nicht entscheiden will und auf Partys zu gehen, die 50€ Eintritt kosten. ?! Es muss etwas her, was den Gedanken an vergangene Zeiten, verpasste Gelegenheiten und schlechte Musik vertreibt. Ich bin bereit. Wir sind bereit. Here we go.
Sagen wir. Die freundlichen Damen von der Fluggesellschaft, der wir diesmal ein Standby- Sitzkontingent aus dem Rippen leiern wollen, meinen dazu nur.
„Die Maschine ist überbucht“ Prima, danke Mädels. Ich bin gemäß den Mitarbeiterflugbestimmungen „Styling“ aufgebrezelt bis unter’s Pony und wünsche mir in diesem Moment eine Jeans und einen Kapuzenpulli herbei. Just for a Wohlfühlmoment. Meine Freundin, die in eben diesen Klamotten neben mir steht, meint dazu nur : Da sei ja ein Charterflug, das ginge schon. Wehe wir kommen wegen ihrer getragenen und meiner gerade vermissten Jeans nicht mit. Wie immer wenn ich Standby fliege, bin ich meganervös und extrem angespannt. Würde ich noch rauchen, wäre jetzt die Gelegenheit eine Schachtel auf „EX“ durch zuziehen. Stattdessen tippel ich gehetzt umher. Nervöse Frisur, zittrige Hände, fahriger Blick. Dieses Firmenbenefit bekommt mir nicht wirklich.
Obwohl ich noch nie am Flughafen stehen geblieben bin und es auch niemals werden soll, bin ich auch heute wieder am Ende der Bereifung. Ich plaudere munter drauf los und hoffe wie immer nur das beste. Es ist ein bisschen so, als ginge man laut pfeifend in einen dunklen Keller. Die Melodie wird’s schon richten und alle Monster tanzen Tango.
Die Frau am Checkinschalter sagt unterdessen noch mal- dieses Mal allerdings mit mehr Nachdruck-, die Maschine sei voll. Damit ist sie in guter Gesellschaft mit den anfangs erwähnten Damen vom Infoschalter der Fluggesellschaft. Nur das SIE noch dominant- herablassend hinzufügt: Da ginge gar nichts, aber man könne ja warten. Man würde schon sehen.
Viiiiieeeeeeleichteventuuuueeellll wüüüüürde ja doch noch etwas frei werden.
Sie möchte uns bei unseren Erwartungen allerdings keine Hoffnung machen.
Meine Freundin und ich- unsererseits devot- planen schon verregnete, aber gemütliche Ferien ( positiv denken!) in Berlin, nebst Kinobesuchen, weinseligen Abenden und Kurztrips, da werden wir aufgerufen. Kaum hat man sich mit seinem Schicksal angefreundet, ja sogar schon arrangiert und alternativiert, muss man wieder umdenken. Wir atmen auf, auch wenn das Berlinprogramm für gute 7 Tage bereits stand. Fast sind wir ein bisschen enttäuscht. Es geht los. Ich sitze am Fenster, in Flugrichtung rechts. Das ist in sofern eine wichtige Information, als das dies die definitiv bessere Seite ist, wenn man von Berlin nach Fuerteventura zum Wellenreiten fliegt. Zumindest dann, wenn man nach ein paar schönen Ausblicken trachtet. Nach ein paar Stunden sehe ich die afrikanische Küste.
Selbst aus dieser Entfernung kann ich die Brandung erkennen. Wie lange habe ich darauf gewartet. Die Vorfreude ist riesig. Ich werde endlich auf einem Surfboard stehen, na ja zumindest liegen. Bald

Wir landen um 20:00. Es ist bereits dunkel. Wir machen uns zuerst auf die Suche nach unserem Mietwagen. Das ist nicht ganz so leicht, wenn man sich zwar seit Jahren vornimmt Spanisch zu lernen, es dann aber letztendlich doch nur auf „hola un agua sin gas por favor“ und einen VHS Kurs a’ 10 Stunden gebracht hat.
Ich krame mein großes Latinum aus den Ecken meines Gehirns, wo es sich seit meinem Schulabgang sehr komfortabel eingerichtet hat, kann so ein paar Vokabeln locker machen, verfalle aber aus Faulheit wieder in ein inkonsequentes Denglisch, um heraus zuhören, ob mein Gegenüber eher den englischen oder den deutschen Teil versteht. Das Latinum kuschelt sich unterdessen wieder in mein Unter-Bewusstsein.
Mit dieser Methode finde ich heraus, dass ein rot gekleideter Mensch – UND WIEDER ROT- irgendwo auf uns warten müsste. Umständlich drangsalieren wir den Befragten nach dem besagten Treffpunkt. Klassischer Weise stehen wir bereits genau davor. Eine in spanischer Lässigkeit gemessene halbe Stunde später steht ein Block, ein Kreditkartenritschratschinstrument - ich bin überrascht, dass es so was noch gibt, fast möchte ich mal anfassen- und ein roter Mitarbeiter der ebenfalls roten Mietwagenfirma vor uns.
Das ist fast ein bisschen zu viel dieser Grundfarbe. In der Zwischenzeit hat sich der Flughafen in ein Niemandsland verwandelt, neben uns warten nur noch wenige verwaiste Touristen auf ihr weiteres Schicksal
Der Wagen ist klein, fein, fahrbar und wartet in einer Parkbucht am anderen Ende der Welt auf unser Erscheinen. Noch immer trage ich die unsagbar bescheuertesten Klamotten, die man tragen kann, wenn man in ein Surfcamp fährt. Und natürlich hatte Anna recht, es hat überhaupt keinen Sinn gemacht den Bestimmungen für schickes Fliegen nachzukommen. 80% unserer Mitreisenden trug Jogginghosen, die übrigen 20% waren Kinder und sind somit nicht zu bewerten.
Zudem kann man in Maschinen ohne Klassenteilung weder up noch down gegraded werden. Prima mitgedacht!
Ich bin extrem overdressed und noch immer trage ich feinstes Schuhwerk und bin im „kleinen Schwarzen“ - die Hosenform- unterwegs.
So ungefähr muss man sich mit einem Bugs Bunny Kostüm auf einer 6 Sterne Dinnerparty fühlen.
Egal, wir haben noch über eine Stunde Fahrt vor uns und die Mietwagennummer hat uns ebenfalls eine gute Stunde gekostet.
Auf der Fahrt mache ich mir Sorgen über alles mögliche und wir halten am nächsten- in Berlin würde man sagen „Spätkauf“.
Da wir heute die Neuzugänge im Surfcamp sein werden- wovon eine auch noch schlecht angezogen ist- möchten wir doch wenigstens nicht mit leeren Händen erscheinen. Wir entscheiden uns für eine Flasche Wein, na gut.. vielleicht doch zwei.., ein paar Bierchen kommen dazu und ich brauche auch gleich das ganze spanische Feeling und gebe mich meinem ersten Eis hin. Schon als Kind schmeckte das Leben einfach überall besser als Zuhause.

Ich beginne mich trotz Businesszwirn und Standbyflug zu entspannen.
Ein wenig ärgert mich, dass ich Kassetten!!!! - hat die überhaupt noch wer ?- mitgebracht habe, weil ich unserer Mietwagenkategorie kein CD System zugetraut habe. Denkste, selig schlummert die Technik und mit ihr ruhen meine –wie heißen die Dinger doch gleich ?- MC’s. Wir hören Radio. Die Landschaft ist ein Brei aus verwaschenen Silhouetten, neuen Gerüchen und fremden Geräuschen.
Ich atme durch das geöffnete Fenster die klare Nachtluft ein.
Nichts riecht so sehr nach Freiheit und Reisen wie das Meer.
Langsam schlängeln wir uns durch die Landschaft, wie Nachtblinde tasten wir uns durch die unbeleuchtete Gegend. Ich wundere mich über die „Wildwechselschilder“ auf denen abwechselnd Kühe und Hirsche?! abgebildet sind, sage aber erst mal nichts. Soweit ich weiß, gibt es hier neben ein paar Herbals- kauender Ziegen und einiger Sorten genügsamer Salamander nichts weiter in Sachen Fauna.
Erst viel später soll ich erfahren, dass die einzig sinnvollen Schilder-nämlich die mit den Ziegen- einer blödsinnigen EU-Norm zum Opfer gefallen sind.
Egal, wer keinen Hirsch überfährt, der übersieht auch keine Ziege.
Manchmal werden wir überholt, weil ich mal wieder viel zu langsam fahre.
Ich starre vor mich hin, halb in dieser Welt, halb im Verkehrsgeschehen.
Ich singe, Anna singt. Wir singen. Ich fahre schneller. Nach gefühlten 150 Kreisverkehren und vollkommen unbeleuchtet, sowie ampellos erreichen wir die Nähe unseres Zielortes. Ich erwähne dies deshalb, weil ich erst mal an dem unscheinbaren Ortseingang vorbeifahre.
Irgendwer hat sich erbarmt ein winziges Schild aufzustellen. Ich übersehe diese in Gnade erbaute Kleinigkeit zunächst, treffe dann aber beim zweiten Anlauf.
Ein verschlafenes Örtchen mitten auf der Insel.
Gerade so erkennt man die Einfahrt in den Ort- die, erwischt man die falsche Seite der Fahrbahn - und das tut man fast immer- eher einer Mondauffahrt gleicht, denn einer Straße. Ich lenke unser Raumschiff durch die Berge und Täler der nächsten 150 Meter und versuche zu erkennen, welche Seite der Straße für uns gebaut wurde.
Wir fahren langsam, mit geöffneten Fenstern. Kein Licht, kein Mensch, nicht mal eine räudige Katze oder ein streunender Hund.
Entweder ist der Ort soeben spontan verlassen worden, oder wir sind komplett falsch. Vielleicht doch auf dem Mond ? Wir wollen schon wieder umdrehen, da hören wir Lachen, Musik und mehr als eine Stimme.

HIRSCHSPRUNG

HIRSCHSPRUNG

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OTRO MODO Surfcamp