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Weisswasser, Wellenreiten und Wunderkinder- Kapitel 9

16.10.2005 07:30

Wie immer erwache ich als erste und krieche direkt aus meinem Zelt ins Leben.
Der Morgen ist noch jung und frisch und so fühle ich mich auch: jung und frisch.
Die Sonne steht bereits am blauen Himmel.
Ich freue mich über soviel Platz in den Waschräumen und zelebriere meinen Aufstehprozess.
Allerdings habe ich Pascal unterschätzt. Pascal ist Schwimmlehrer für Kinder, wohnt auch im Camp, muss meistens bereits um 08:00 in irgendeinem Hotel sein und kann zu schrecklich frühen Zeiten bereits schrecklich viel reden.
Ich habe mir schon immer Gedanken gemacht, warum ich eigentlich so gerne soviel früher als andere aufstehe. Ich glaube einer dieser Gründe ist, dass ich morgens erst mal mit mir selbst ins Reine kommen muss. Das geht aber nicht, wenn ein anderer noch früher aufgestanden und bereits mit sich im Reinen ist. Ich brauche länger -schlafende Menschen um mich rum. Das ist elementar für mein Wohlbefinden. Außerdem kann ich so immer ein bisschen damit angeben, dass ich die erste am Morgen bin. Während ich also unter der Dusche stehe, plaudert Pascal munter drauf los und trotz einer Distanz von 4 Treppenstufen und wasserfallartigen Geräuschen, ist er bestens zu verstehen. Er hat seine Lautstärke eben den Gegebenheiten angepasst.
Und so höre ich von nun an jeden Morgen viele Geschichten über das Wellenreiten, große Wellen, das Meer an sich, über Mut und Gefahr, Männer und ihre Bretter.
Als ich fertig geduscht bin ist Pascal weg und der Rest der Truppe betritt nacheinander die Szene. Anna ist auch darunter.
Der Kurs soll am Nachmittag stattfinden. Das Wetter ist herrlich. Julio fragt mich an diesem Tag etwas, über dessen Antwort ich noch heute oft nachdenken muss. Er fragt mich, warum ich eigentlich surfen lernen möchte und obwohl ich aus dieser Frage eine Spur Verwunderung heraushöre wie sie nur Menschen eigen ist, die ihr Leben lang am Meer zugebracht haben, beantworte ich sie spontan mit: „Ich möchte unbedingt surfen lernen, es war immer mein Traum und ich bin wild entschlossen“. Seine Antwort- vor allem in Bezug auf das „wild entschlossen“ - lautete frei übersetzt, dass ich mir das gleich abschminken könne. Ich würde das Surfen nur dann lernen können, wenn mich entspanne und ich würde viel Geduld haben müssen. An diesem Tag habe ich es ihm nicht geglaubt. Heute weiß ich es besser. Mein kleiner, ab und an sehr selbstgefälliger spanischer Surflehrer, den ich im Laufe der Zeit menschlich mehr und mehr zu schätzen gelernt habe, sollte in dieser Sache für immer recht behalten.
Inzwischen ist unsere Campgemeinschaft regelrecht zusammengewachsen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, oder so ähnlich. Anna und ich gehören dazu. Von diesem Tag an entsteht für mich auch eine wirkliche Freundschaft die bis heute anhält. Carla leidet ab heute mit mir und begleitet mich noch so manches mal auf Brettern durchs Leben. Ich habe nicht viele Mädchen getroffen, die meine Leidenschaft teilen, die das Surfen genauso lieben und lernen wollen wie ich es möchte. Um so schöner, wenn man auf jemanden trifft, der genau das versteht. Heute jedoch bin ich erst mal „verzweifelt“. Nichts klappt so wie es soll und mit dem Take Off wird es einfach nichts. Ich bin unkonzentriert, meckere mit mir selbst und finde mich feige. Damit mache ich mir das Leben zwar nicht leichter, habe aber zumindest eine Entschuldigung für meine Patzer, die im Grunde keine sind, sondern nur den simplen Lernprozess darstellen. Das Meer ist kein leichter Lehrer, das Surfen keine leichte Sportart. Jede Welle will hart erkämpft werden. Bis es aussieht wie ein Spiel, vergehen viele Jahre. Ich mühe mich an meinem ersten Tag mit dem Weißwasser ab und bewundere jeden, der es schafft eine Sekunde in der stehenden Position zu verbringen.
Immerhin bin ich heute ohne großen Zwischenfall in meinen Neoprenanzug gekommen.
Am Abend dann ein echtes Highlight. an einem benachbarten Strand steigt eine große Party. Ich bin gespannt. Eine Beachparty. Wer da wohl alles hinkommt ? Ein bisschen fühle ich mich bereits, als gehöre ich dazu. Zu diesem kleinen surfenden Mikrokosmos von Menschen auf dieser Insel.
Wir alle essen eine große Kleinigkeit, dann geht es los. Das Glätteisen habe ich erfolgreich verdrängt, werfe aber einen wehmütigen Blick auf die Stelle in der Tasche an der es sich befinden muss. Mit der Frisur die mir heute gegeben ist, muss ich mich wohl leider abfinden. Ich entschließe mich letztendlich dann aber doch zu dem noch vorhandenen Rest meiner Eitelkeit zu stehen und klatsche wenigstens eine glättende, entkrausende Masse in mein Haar. Was anpappt, kann auch nicht abstehen. Los geht’s. Der Weg zur Party führt eine kurze Weile an der Küste vorbei, bevor ein Wegweiser- eine aufgeschnittene Plastikflasche mit Kerze- andeutet, dass wir die Straße verlassen müssen. Wir biegen auf einen Schotterweg ein. Kurz denke ich über die Klausel im Mietwagenvertrag nach, die das Befahren einer solchen Piste mit dem Tode bestraft, verwerfe diesen Gedanken aber gleich wieder unausgesprochen zugunsten der allgemeinen Gruppendynamik.
Es ist stockfinster. Das Rumpeln der Reifen auf dem zerrütteten Belag weckt in mir den Wunsch möglichst schnell anzukommen. Vorbei an weiteren „Kerzenwegweisern“ und diverse Wege abwärts, die ich nicht mal bei Tag gehen würde, erreichen wir schließlich einen „Parkplatz“. Von weitem höre ich Musik und das unterschwellige, gleichmäßige Geräusch der Wellen, die an den Strand laufen.
St ja schließlich auch eine BEACH Party
Wir gehen geradewegs auf das Geschehen zu. Ein großes Feuer brennt. Am Rand und ein wenig außen vor steht ein Bachvolleyballnetz, welches zum Zeitpunkt unserer Ankunft von einer Meute
( Männer treten immer in solchen auf) blonder, braun gebrannter Jungs genutzt wird, die abwechselnd Sport treiben und Bier trinken. Es riecht nach Würstchen und guter Laune. Wir entschließen uns zu einem Gang an die „Bar“ - einem großen Felsen in der Bucht- der aussieht, als wollte er schon immer “Bar” sein- und stoßen alle erst mal an.
Ich bin glücklich. Ein Feuer, Bier, das Meer, die Sterne, nette Menschen, blonde Jungs, Hunde und morgen wieder surfen. In dieser Nacht wünsche ich mir, dass dieses Leben niemals wieder enden möge. Ich schaue in die Sterne und danke dem lieben Gott dafür, dass ich alles das hier erleben darf.
Unsere kleine Surfcamp Gruppe, die sich erstaunlich schnell organisiert hat, steht beieinander.
Wehmütig höre ich den ein oder anderen Brocken Spanisch und wünsche mich in eine einheimische Konversation, der ich nur leider bei meinem derzeitigen Wissenstand NICHT folgen könnte. Stattdessen plündern wir die Bar. Alkohol verbindet Nationen. Als am Ende nichts mehr da zu sein scheint, kommt ein großer Junge mit Kapuzenjacke und strubbeligen Haaren auf mich zu. In der Hand hält er eine volle Weinflasche, die er mir großzügig anbietet. Er ist nett, aus Hamburg und mindestens genauso betrunken wie ich. Bevor das Gespräch eine Substanz erhält, werde ich von Anna an den Strand gezerrt.
Ich habe Mack und seinen Wein schon wieder vergessen, da kommt Joe auf mich zu. Joe ist lustig und im „wahren Leben“ Animateur. Selbiges scheint er auch nach seinem Feierabend nicht vergessen zu haben. Noch ehe ich mich versehe, werde ich zu einem professionell vertonten Wettrennen ins Meer und wieder zurück animiert, gerade so schnell, dass man es schafft, bevor die Welle einen erwischt…Ist wohl kein Kinderanimateur, der Joe. Ich muss möglichst schnell, möglichst trocken vom Strand zum Meer und wieder zum Strand laufen. Wie er das in meinem Zustand noch vernünftig rüber bringen, geschweige denn mit Spaß an mich verkaufen konnte weiss ich bis heute nicht.. aber: er hat. Deswegen ist er wahrscheinlich Animateur. Am Ende bin ich ziemlich aus der Puste vom vielen Lachen und klatschnass, denn natürlich waren die Wellen jedes Mal schneller.
Müde animiert und durstig laufe ich zurück zu Anna und Dada, Pascal und Stefan.
Auf dem Weg zu ihnen bringe ich es fertig mit meinen beflipfloppten Füßen in den weit und breit einzigen umgekehrt hochstehenden Nagel zu treten, um bei dem Versuch meinen Fuß aus diesem Dilemma zu befreien gleich noch mal mit voller Wucht hinein zu latschen.
Stille….
Nach einigen Minuten in einer schonenden Position, abseits von Geschehen bin ich wieder da. Alkohol macht so herrlich schmerzunempfindlich.

Ich geselle mich wieder zu Anna und Stefan, die gerade in ein Gespräch vertieft sind, es aber augenscheinlich gerne unterbrechen.
Wir stehen mit dem Rücken zum Feuer und stoßen mit den letzten alkoholischen Reserven des Abends an. Und es gibt sie tatsächlich: Die Dinge, die unmöglich sind und die trotzdem passieren.
Die Komponenten: Lagerfeuer, 5 Meter hinter uns, Bekleidung: ein 3/4 Arm Kapuzenpullover, Arme: gebeugt, Konversation: im Gange.
Was genau dann passierte weiß ich gar nicht, nur dass ich irgendwann fürchterlich erschrocken rumgebrüllt habe. Irgendwas ist rücklings auf mich zugeflogen, hat einen Salto gedreht, um dann IN MEINEM ÄRMEL!!!! weiter zu brennen. Ich meine das muss man sich mal vorstellen, da standen mehrere Dutzend Menschen auf dem Platz, von diesen ebenfalls mehrere Dutzend wesentlich näher, noch dazu nackter ums Feuer standen.
Fuß kaputt, Arm verbrannt. Wow und das in nur 10 Minuten auf einer BEACH Party!

Ich will mich gar nicht bemitleiden, wollte mir dann aber doch das Anwesend Sein bei noch schwerwiegenderen Zufälle ersparen.
Und so machten wir uns zu viert und mit unserem bereits arg schotterweggebeutelten Mietwagen auf den Weg zurück ins Camp.
Der Rest ließ es sich nicht nehmen noch mit der Bierflasche in der Hand neben das langsam ausgehende Feuer zu sinken und blieb ergo gleich vor Ort.

Nach einem Tee und dem üblichen “Nach-Party-Getratsche” sind wir dann ziemlich rasch in unseren Schlafsäcken verschwunden. Das Zelt hatten wir am Tag bereits von seiner erhöhten Position auf dem Dach nach unten auf den eigentlichen Platz verlegt.
Besser: Denn wie wir trotz aller Romantik feststellen mussten, hatte sich ein nächtlicher Gang auf die Toilette als alles andere als einfach herausgestellt.

17.10.2005

Am nächsten Morgen wache nicht bloß ich mit einem furchtbaren Kater auf. Anna dreht sich genervt zur Seite, weil ich mal wieder viel zu früh den Versuch starte mein Gehirn wieder auf Trab zu bringen.
Ich entschwinde so leise es nur irgend geht aus unserem zeitlich begrenzten Zwei Personen Haushalt und bemerke mit einem leisen Fluchen, dass ich tatsächlich nicht ganz unbeschadet von der Party weggefahren bin. In meiner rechten Armbeuge befinden sich zwei große Brandblasen. Das ist ganz arg prima, wenn man einen Neoprenärmling tragen muss und auch so ganz gerne mal den Arm streckt und beugt.
Ich entschließe mich für ein frühes Kater Frühstück und treffe mal wieder lediglich auf Pascal, der in 10 Minuten zu seinem Schwimmkurs in den Nachbarort muss. Auch er ist heute ungewöhnlich still. DANKE, lieber Gott!
So komme ich wenigstens dazu mir Gedanken zu machen was ich am besten esse oder noch besser gerade nicht esse.
Bezeichnender Weise fällt unser Surfkurs heute aus. Ein freier Tag.

Gegen Nachmittag und nach etlichen Anlaufschwierigkeiten machen sich Carla, Anna und ich auf den Weg in den Nachbarnachbarort.
Wir wollen mal sehen, was die mehr oder weniger nahe Umgebung noch so zu bieten hat.
Nach einer 30 minütigen Fahrt stehe ich in dem hässlichsten Ort, den ich seit Tagen gesehen habe. Fast umgehend wünsche ich mir das verschlafen- staubige Surfcampörtchen wieder herbei.
Auf einer Strandpromenade, die auch wieder keine ist, joggen sich Touristen über eine Distanz von einigen hundert Betonmetern ihre All- Inclusive- Wampe weg, während die anderen eine Straßenseite weiter unsinnigen, weil vollkommen überteuerten Shoppingritualen nachgehen.
Ich weiß nicht warum, aber auf Fuerteventura ist jeder Elektroladen fest in indischer Hand. Warum gerade Indien und weshalb dann auch noch Elektro, ist und bleibt mir schleierhaft. Tatsache ist, die Jungs sind ganz schön teuer.
Ebenso wie die TShirt- Marokkaner, die Tapas- Deutschen und die Spielhallen- Spanier. Die ganze Promenade blinkt und quietscht und lärmt und nervt.
Da das Wetter heute nicht so gut ist, beschließen wir in einer der ungemütlichen Bars einzukehren bzw. uns auf die Terrasse einer dieser ungemütlichen Bars zu setzen.
Ich kaufe noch ein zwei Pflichtpostkarten, dann trinken wir unseren Kaffee.

1 Stunde später flüchten wir zurück auf den Zeltplatz.

Am 18.10 und damit einem Tag später hat uns der Strand wieder. Endlich- denn dafür bin ich schließlich hier. Mittlerweile hat jeder aus dem Camp mal mit jedem gesprochen und wir sind zu einer kleinen Bikini- Boardshort- Gemeinde auf dem warmen Sand geworden. Handtuch neben Handtuch lassen wir uns abwechselnd von den Sonne trocknen, während sich die anderen- vom sich sonnen den Rest verbal angespornt- mit ihrem Board in die Wellen wagen.
Mit Stefan’s Kamera machen wir einige Aufnahmen, die ich auch heute noch gerne ansehe. Die Bilder spiegeln unser Lebensgefühl wieder und sagen mir, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen bin.
Der Tag heute beginnt mit dem obligatorischen Aufwärmprogramm und ein paar theoretischen Einheiten zum Thema Wellenreiten. Dass ich nicht jede dieser theoretischen Weisheiten so stehen lassen möchte, erklärt sich mit meinem allgemeinen Misstrauen zu einem unserer Surflehrer und seiner Einstellung im Allgemeinen. Heute hat er keinen Bock.
Ich beschließe wegzuhören, um dann wieder besonders aufmerksam seinen Einweisungen im Wasser zu folgen.
Nicht die schlechteste Idee. Und dennoch, ich kämpfe und probiere, ich paddle und fluche…und kann mir keine Pause gönnen. Aus dem eingangs erwähnten etwas zu verbissenen Grund, möchte ich es heute schaffen. Je mehr ich mich allerdings konzentriere, desto eher ist dieses Vorhaben zu Scheitern verurteilt.
Ich kippe und rudere, meine Beine sind viel zu weit auseinander, meine Körperspannung die einer Salatgurke im Endstadium vor dem Zerfall und mein Kopf ist voll. Am Ende muss ich feststellen, dass ich auch an diesem Tag nicht stehend auf dem Brett an den Strand fahren werde.
Ich bin ein wenig enttäuscht und schiele neidisch zu denen hinüber, denen Julio und Fred anerkennend auf die nassen Schultern klopfen.
Dabei attestiere ich mir selbst die totale “Talentfreiheit”.
Irgendwie will es einfach nicht werden. Heute kann ich nicht mehr sagen, woran es eigentlich gelegen hat. Ein Take- Off ist nicht die schwierigste Sache der Welt und wenn man ihn einmal kann, ist es schwer sich daran zu erinnern, woran es eigentlich gelegen hat, dass es so lange gedauert hat, bis man ihn dann endlich konnte.
Hatte ich Angst ? Kein Selbstvertrauen ? Kein Rhythmusgefühl ? Braucht man Soul ? Drogen ? Was war der Grund, dieses “einfache” Manöver nicht zu verstehen ? Ich dachte lange Zeit, ich bin nicht kräftig genug, um mich mit den Armen hoch zudrücken. Heute weiß ich, dass das ausgemachter Schwachsinn ist. Kraft ist überhaupt nicht der Punkt. Man braucht keine besondere Kraft, um sich in den Stand zu schwingen.
Es ist die Technik, das Zusammenspiel der richtigen Momente. Der Moment, indem man den Rhythmus der Welle verstanden hat. Ein perfekter Ablauf in einem kleinen Zeitfenster.
Ich konnte es nicht. Und je mehr ich mich dazu animierte, ja innerlich anschrie, desto schlimmer wurde es. Ich musste mich dringend entspannen, loslassen, befreien von dem ZWANG- Moment in meinem Kopf. An diesem Tag habe ich mich geschlagen gegeben und einen Kniefall vor den Wellen gemacht. An diesem Tag habe ich zum ersten Mal begriffen, dass man in Würde kapitulieren muss und geahnt, dass ich das noch viele, viele Male tun sollte.

DAMALS IN ZEITEN DER SCHWERKRAFT

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